Der Mensch im Mittelpunkt

Sachlich, reflektiert, vielschichtig. So wie die Debatten verlief auch die Präsentation der Arbeitsgruppenergebnisse. Den Veranstaltungsreader inklusive der Gruppenpapiere können Sie hier herunterladen: Reader Inklusion

… und die Präsentation er Arbeitsgruppenergebnisse selbst hier nachlesen:

Gruppe eins: Barrieren vor der Haustür

Mit Pinnwand und Moderationskarten baut Gruppe eins Stück für Stück ihr Konzept auf, um die Spurensuche nach Barrieren vor der Haustür in geeordnete Bahnen zu lenken. Erzählungen aus dem Praxis unter dem Motto ¨Nicht zuende gedacht¨ machen es einfach, sich und seine Lokalredaktionen wiederzufinden: Kennen wir sie nicht alle? Die Gastronomien mit Rampen, aber zu hohen Tischen? Die behördlichen Verhandlungsräume im ersten Stock, ohne Aufzug? Hier kann der Lokaljournalist tun, was er am besten kann: Aufdecken, erklären, sensibilisieren. Mit dem ¨Mensch im Mittelpunkt¨. Wie auch unten auf den Bildern erkennbar, hat die Arbeitsgruppe konkrete to-do-Themen entwickelt.
Eine kleine Auswahl:
– erster Schritt der Arbeit ist, sich ein Netzwertk aufzubauen, sich eine Liste anzulegen, was gibt es in meinem Bereich für Zielgruppen, wenn kann ich fragen, welche Experten gibt es.
– Eine Möglichkeit ist der Stadtcheck bzw. Ortscheck; ein Stadtrundgang mit blinden, gehbehinderten oder gehörlosen Menschen
– Check von öffentlichen Gebäuden und Spielpätzen – ¨für mich war neu, dass es beispielweise Schaukeln für Rolllstuhlfahrer gibt¨, sagt eine Teilnehmerin
– Kirchen: Wie barrierefrei sind die?
– Privater Wohnungsbau – was ist eine barrierefreie Wohnung? Worauf sollte ich achten, wenn ich in einem Haus alt werde? Es gibt mittlerweie sogar Handwerksteams, die gezielt barrierefreie Wohnungen anbieten
– Wohnformen für Menschen mit Behinderung
– ein unendliches Thema. ÖPNV. Beschilderungen, Wegbarrieren etc
– Kultur: Wie sieht es in Veranstaltungsbereichen aus?
– Handel und Gewerbe – wie groß sind Umkleidekabinen?
– Vereinsleben – welche Angebote gibt es für Menschen mit Behinderungen?
– Arbeiten mit Handicap. Tipp: Bei größeren Institutionen gibt es immer einen ¨Schwerbehindertenvertreter¨
– Website: Wie sind öffentliche – oder auch die eigene – Website gestaltet? Gibt es eine vergrößerbare Schrift? Sind alle Bilder mit Texten hinterlegt?

¨Unser Begriff ist, dass unter Handicaps nicht nur Behinderungen fallen, sondern Handicaps für jeden auch mit dem Alter kommen¨

Arbeitsgruppe zwei: Barrieren in der Sprache

Die Arbeitsgruppe zwei hat einen redaktionellen Leitfaden entwickelt und diesen vorgestellt. Anbei die Version in der gekürzten Fassung:

I. Redaktioneller Leitfaden

Berufsethos und Pressekodex bilden die Grundlage unserer Berichterstattung.

Wenn wir über Menschen mit Behinderungen schreiben, vermeiden wir Schubladendenken und versuchen, der Individualität der Person und des Themas gerecht zu werden. Wir fragen uns: Wann ist die Behinderung wirklich erwähnenswert?

Klischees wie das vom fröhlichen Down-Kind vermeiden wir. Bevor wir eine Befindlichkeit unterstellen, fragen wir bei den Betroffenen nach, wie es ihnen geht.

Wir reduzieren einen Menschen nicht auf seine Behinderung.

Wir behandeln den Gesprächspartner nicht in erster Linie als Vertreter einer bestimmten Behinderungsart. (Hilfreiche Fragen zur Einschätzung: Wir machen uns bewusst: Was macht die Story zu einer Geschichte? Warum möchten wir sie schreiben?)

Perspektive des Formulierens: Wir schreiben nicht von oben herab und vermeiden Begriffe und Floskeln, die den Lesern eine Wertung suggerieren.

Wenn wir bewerten, tun wir es bewusst (Kommentar).

Wir respektieren selbstverständlich im Umgang mit Menschen mit Behinderung grundsätzliche Umgangsformen, duzen sie nicht automatisch und lassen sie zu Wort kommen (O-Töne sind wichtig, wir lassen sie uns nicht vom Pressesprecher diktieren).

Die Sensibilität des Themas erfordert eine besonders gründliche Vorbereitung (Treffpunkt zum Interview barrierefrei, Gebärdensprachdolmetscher/technische Hilfsmittel bei Gehörlosen).
Dazu gehört auch, rechtliche Fragen vorab zu klären: Hat der Mensch mit Behinderungen zum Beispiel einen gesetzlicher Betreuer? Ist der einverstanden mit Foto/Namensnennung.

Wir machen als Journalisten keine Lobbyarbeit. Wir versuchen, mit Fingerspitzengefühl und  Professionalität vorzugehen und wägen bei der Sprache ab zwischen politischer Korrektheit und nötiger Lesbarkeit/Verständlichkeit.

Eigene Unsicherheiten thematisieren wir gegenüber unserem Gesprächspartner (Sollen wir einem Armamputierten zur Begrüßung die Hand reichen?).
II. Umgang mit Sprache

1) Definition Inklusion … (Nach Aktion Mensch und der UN Behindertenrechtskonvention)
2) Behinderte, Menschen mit Behinderung/Handicap

Behindertenverbände legen nicht fest, mit welcher sprachlichen Formulierung gearbeitet werden soll. Die Empfehlung beispielsweise der leidmedien.de lautet „Menschen mit Behinderung“ zu sagen, damit wird der Fokus darauf gelegt, dass die Umwelt den Menschen behindert und nicht der Mensch behindert ist.

Der Begriff „Behinderter“ ist nicht verpönt, sondern kann im journalistischen Alltag als Synonym durchaus verwendet werden. „Menschen mit Handicap“ ist ebenfalls geläufig.

3) Leiden oder Nicht-Leiden

Wenn man schreibt, dass jemand „leidet“, sollte man tatsächlich wissen, ob „leiden“ das richtige Verb ist. Beispiel aus einem Artikel: „Er leidet an der Glasknochenkrankheit“. Hier sagte der Protagonist selbst, dass er nicht „leidet“, sondern die Krankheit hat.

Hilfreich bei der redaktionellen Arbeit ist die Sichtweise der leidmedien.de, die viele Ausdrücke als „Beschreibung mit fahlem Beigeschmack“ bezeichnen.

4) Wertende Begriffe

Grundsätzlich sollte sich jeder beim Texten darüber klar sein, dass er Sachverhalte positiv, neutral oder negativ beschreiben kann. Beispiel: Freitod (Euphemismus), Suizid oder Selbstmord ( Anklage )

5) Stereotype und Phrasen

Im Alltag existieren Phrasen wie etwa „an den Rollstuhl gefesselt“. Häufig werden Verniedlichungen benutzt wie „Downie“ für Menschen mit Down-Syndrom oder „Rolli“ für Rollstuhlfahrer. Auch hier sollte ein Autor sich dessen bewusst sein, ob er die Situation (das Selbstverständnis) des Betroffenen angemessen ausdrückt. Häufig ist das nicht so.

6) Gehörlos, taub, schwerhörig…

Wichtig ist, die Behinderung korrekt zu bezeichnen. Beim Beispiel „Gehörlosigkeit“ empfinden viele Betroffene den Begriff „taub“ beispielsweise als falsch. Der Begriff „taubstumm“ sollte am besten gar nicht benutzt werden, weil Gehörlose sprechen oder sich auf andere Weise ausdrücken können.

Recherche:
leidmedien.de
aktion-mensch.de
sozialhelden.de
inklusionsfakten.de
meinaugenschmaus.blogspot.de/
institut-fuer-menschenrechte.de

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Arbeitsgruppe drei: Barrieren in den Köpfen

¨Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Konflikte beim Thema Inklusion häufig deswegen entstehen, weil das Konzept missverstanden wird¨, sagt der Leiter der Arbeitsgruppe Ralf Schäfer.

Zeit, das zu ändern: Die Gruppe hat Flipchart, Edding und ihre geballte Kreativität bemüht, um ein drei Ebenen – oder besser: drei Wolken-Modell zu entwickeln, das die Barrieren in den Köpfen zum Einsturz bringt. Es geht darum, bestimmte Themen anzusprechen, zu diskutieren und in die Öffentlichkeit zu holen.

Unten finden sich die Galerie-Bilder mit den Konzepten.

Erste Wolke: Was bringt Barrierefreiheit der Gesellschaft?
– leichte Sprache und Umgang mit anderen/Empathie/neuer Blickwinke
– im Thema Barrierefreiheit könnte man etwa eine Roll-Ralley machen mit einem Rollstuhfahrer, einer Person mit Kinderwagen etc
– Begegnungen arrangieren
– Reihe mit standarisierten Interviews mit behinderten Menschen, die wichtige Anlaufstellen und Tools im Alltag skizzieren

Zweite Woke: Arbeitswelt
Aufklären über….
– Karriere mit Behinderung
– Berufsberatung
-Arbeitsplatz-Ausstattung
– Arbeit ohnt sich nicht: Menschen, die intensive staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, ist es untersagt mehr als ein bestimmtes Vermögen zu besitzen
– raus aus der Werkstatt

Dritte Folie: Familie und soziales Umfeld
Hier geht es um „Barrieren in Bereichen außerhalb der Schule, über die man gar nicht so nachdenkt“.
Streitpunkte sind hier
– Pränataldiagnostik
– Leben als Mütter/Väter
– Leben als Bruder/Schwester
– Äußerung von Mitleid
– Vereine
…. und: Sexualität. ¨Da haben wir auch eine Barriere in unseren Köpfen festgestellt. Wir wollen Tabuthemen Partnerschaft und Kinderwunsch bei Menschen mit Behinderungen durchbrechen“.

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Sabrina Gaisbauer

Sabrina Gaisbauer ist Referentin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

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