Die Presse gehört den Bürgern

Die Geheimwaffe der lokalpolitischen Berichterstattung ist der Bebauungsplan. Denn nicht die zerstrittenen Politiker interessieren die Leser, sondern die Veränderungen in der eigenen Stadt. Zu Gast beim Modellseminar Kommunalpolitik ist der mehrfach ausgezeichnete Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, Paul-Josef Raue, für den die Leserbefragung ein wichtiges Werkzeug für gutes Blattmachen ist.

Die Presse gehört nicht uns, nicht den Verlegern. Wir sind keine Untertanen des Landes, sondern einzig und allein den Bürgern verpflichtet“, sagt Raue voller Inbrunst – und das müsste den Bürgern auch vermittelt werden. Intensiv hat sich der Journalist und Sachbuchautor mit der Frage befasst, wie Leser ticken. Anhand von unterschiedlichen Artikeln zur Lokalpolitik präsentiert er die Ergebnisse von Leserbefragungen und lässt die Kollegen erst einmal raten, welcher Bericht am besten ankam. „Wir müssen informieren, kontrollieren, kommentieren. Ohne Einordnung fühlen sich die Leute verloren, ohne Recherche gibt es keinen Journalismus“, sagt Raue – eine Binsenweisheit, die mit der präsentierten Brise Praxis jedoch einiges an Input gibt.

Paul-Josef Raue, Chefredakteur Thüringer Allgemeine

Paul-Josef Raue, Chefredakteur Thüringer Allgemeine

Falscher Politikbegriff langweilt

Ein erstes Praxisbeispiel liefert der Flyer des Modellseminars Kommunalpolitik. Von einer Chronistenpflicht ist dort die Rede – jeweils mit dem Attribut „lästig“ im Unterton, meint Raue. Er glaubt, dass allein der Begriff Kommunalpolitik die Leute abschrecke, nicht weil das Thema für die Leser langweilig wäre, sondern weil wir einem falschen Politikbegriff anhängen würden: „Wir haben einen Politikbegriff, der sehr stark an der Tagesschau orientiert ist. Der politische Streit ist fast ein Synonym für Politik geworden. Wir wissen, dass die Leute das nicht wollen – es gibt eine Politik-, eine Parteiverdrossenheit. Politik aber wird auch dann spannend, wenn wir einfach nur über die Sache reden.“

Wie oft aber über die „Sache“ reden? Sind beispielsweise Themenkampagnen erlaubt? Ja, findet Raue: „Die Leute wollen gern eine Lösung haben, aber dieses Flatterhafte, dieses in der Schwebe halten, die Redaktion hakt nicht nach, ist nicht gut. Du musst an Themen dran bleiben!“

Geheimwaffe: Bebauungsplan

Die Redaktion Erfurter der Thüringer Allgemeinen hat dafür zum Beispiel eine Liste von Orten in der Stadt aufgestellt, die die Menschen kennen, an denen sie oft vorbei- oder hindurch gehen. „Das, was die Menschen kennen, ist das, was sie interessiert, deshalb kannst du jede kleine Veränderungen an solchen Orten beschreiben und das hat fast immer etwas mit Politik zu tun“, findet der Chefredakteur. Zur Recherchehilfe rät er sich Bebauungspläne genauer anzusehen. „Es gibt keinen Bebauungsplan, der uninteressant ist.“

Rausgehen, Rausgehen, Rausgehen

Das sei dann auch der klassische Stoff für die erste Lokalseite, denn dort müsse schließlich stehen, wonach sich die Leute richten können. Auch in anderen Geschichten, die in der Thüringer Allgemeinen gerne gelesen werden, geht es um die Nähe zu den Bürgern. Beispielsweise hat sich in letzter Zeit der Servicebereich der Zeitung verändert: „Eine Frau tut nichts anderes als den ganzen Tag durch die Stadt zu gehen, zu schauen, was in Erfurt passiert und beschreibt das.“ Es zahle sich wirklich aus, hier und da mal das Telefon stehen zu lassen und rauszugehen.

Vom „erweiterten Politikbegriff“ kommt Paul-Josef Raue aber immer wieder auch auf den Kern: Die Wahlberichterstattung – und bei der ist er der Meinung, dass „es nichts gibt, was die Leser mehr interessiert als eine Wahl“. Redaktionen sollten deshalb diesen „Quotenbringer“ ausnutzen.

Die Präsentation von Chefredakteur Raue finden Sie hier.

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