Dos and Don’ts

Wenn Sprache das Denken und dieses wiederum das Handeln bestimmt, dann hantieren Journalisten mit hochgefährlichem Werkzeug. Gerade, wenn sie über Gruppen schreiben, die gesellschaftlich benachteiligt werden, ist Vorsicht angebracht, um ihre Unterdrückung nicht noch versehentlich zu untermauern. Was sind häufige Stolperfallen? Ganz handfeste Tipps für den Redaktionalltag bekommen die Lokaljournalisten von Andi Weiland, der Öffentlichkeitsarbeit für Sozialhelden e.V. macht. Er stelle verschiedene Projekte des Vereins vor, die sich explizit an Medienmacher wenden.

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Andi Weiland von Sozialhelden e.V.

Statt einer Vortragszusammenfassung gibt’s hier also auf den Punkt gebrachte Praxis-Kost:

  1. Tipps eins für reflektierte Orte: Wheelmap.org
    Der Verein hat Wheelmap.org entwickelt, eine Onlinekarte, auf der jeder Nutzer markieren kann, wie rollstuhlgerecht Orte sind. Die Karte umfasse derzeit 600.000 Orte weltweit, jeden Tag kämen 300 neue hinzu.- Wheelmap-Check in der Stadt. Wo müsste nachgefasst werden? Und stimmen die Einträge? Was sagen die Betreiber von Gaststätten, wenn man sie mit mangelnder Barrierefreiheit konfroniert?
    – Am 3. Dezember ist der Internationale Tag der Behinderungen, der Verein plant an dem Tag auch Aktionen mit Wheelmap und Aufrufe. Der Termin bietet sich also an.
  2. Tipp zwei für reflektierte Worte: leidmedien.de
    Raul Krauthausen, der Sozialhelden gegründet hat, sind bei der Berichterstattung über ihn immer wieder ungeschickte Formulierungen aufgefallen. „Raul Krauthausen, der trotz seiner Behinderung…“. „Er ist an den Rollstuhl gefesselt“…Das sind alles Zuschreibung von außen und sprechen Menschen ihre Lebensqualität ab. Weiland und sein Team haben einige dieser Fehltritte mit Tipps, wie man diese vermeiden kann, auf Leidmedien.de zusammengefasst. Sein Credo: Man soll Geschichten nicht vorschnell zu Heldenreisen oder Leidenswegen stilisieren. „Wichtig ist die Selbstzuschreibung. Wenn jemand selbst sagt, dass er leidet, kann man das auch schreiben“. Aber: Man solle so eine Interpretation eben niemandem aufdrängen, und lernen, zu priorisieren. Wer über Schäuble schreibt, beginnt den Artikel selten mit „Schäuble, der sein Schicksal tapfer meistert, obwohl er an den Rollstuhl gefesselt ist…“
  3. Tipp drei für reflektierte Bilder
    Auch bei der Bildauswahl verfallen Redakteure gerne in Klischees. So würden Kinder mit Down-Syndrom oft fröhlich strahlend abgebildet, autistische Kinder hingegen traurig . „Gesellschaftsbilder sind mehr als der weiße Mann, die weiße Frau, das weiße Kind, die eine glückliche Patchworkfamilie bilden und in die Kamera lächeln“. Leidmedien beitet auch Pressebilder an.
  4. Weitere Kurztipps für die tägliche Arbeit
    – Was viele Teilnehmer nicht wussten: Für Menschen wie Raul Krauthausen, die etwa auf einen Rollstuhl angewiesen sind und intensive Betreuungsangebote des Staates in Anspruch nehmen, gibt es eine Vermögensfreigrenze – also eine Obergrenze – , die derzeit bei etwa 2.600 Euro liegt. Wenn sie mehr Geld besitzen oder verdienen, fließt dieses direkt ab, um die Betreuungsangebote zu refinanzieren. Der Staat zahlt erst, wenn der Einzelne es nicht mehr kann
    -Ein Journalist sollte darauf achten, auch bei Stücken, die nichts mit Behinderung zu tun haben, Menschen mit Behinderungen als O-Ton-Geber und Protagonisten einzubeziehen. Eben wie alle anderen Menschen auch. Beispiel: Straßenumfrage
    – Diskutiert wurde auch, dass man bei Menschen mit gesetzlichem Betreuer den Betreuer um Erlaubnis für den Abdruck eines Fotos fragen muss. Doch ob jemand einen solchen Betreuer hat, ist ihm nicht direkt anzusehen. Wie kann man also als Lokaljournalist sensibel genug nachfragen?
    Für Weiland sprechen solche Fragen von einem „bestimmten Bedenkenträgertum“. Fazit: Direkt zu sein und zu fragen, sei besser, als gar nicht zu berichten.

 

 

 

Sabrina Gaisbauer

Sabrina Gaisbauer ist Referentin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

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