Einschaltquote für die Zeitung

Was lesen Leserinnen und Leser wirklich? Um genau dies zu erfahren, haben Redakteurinnen und Redakteure der Sächsischen Zeitung das System Lesewert kreiert. Dabei erhalten die Leserinnen und Leser einen Scanstift im Format eines Textmarkers und ein Smartphone. Sie lesen die Zeitung wie bisher auch. Wenn sie mit einem Artikel fertig sind, erfassen sie mit dem Scanstift die Zeile, an der sie aufgehört haben zu lesen. Diese gescannte Textzeile wird via Bluetooth an die Lesewert-App auf dem Smartphone und so an die Redaktion geschickt. Der Lesewert (Wie attraktiv ist ein Text insgesamt für die Leserinnen und Leser?) setzt sich zusammen aus dem Blickwert (der Text wird wahrgenommen) und dem Durchlesewert (Wie weit wird der Text im Durchschnitt gelesen).
Georg-Dietrich Nixdorf von Lesewert hat auf dem Modellseminar seine Schlussfolgerungen aus bisherigen Lesewert-Ergebnissen zusammenfassend präsentiert und stieß dabei nicht nur auf Zustimmung. Dass seine Thesen durchaus bei den Zeitungsmacherinnen und -machern umstritten sind, ist Nixdorf aber selbst bewusst: „Jede Lokalzeitung muss aus den Lesewert-Ergebnissen, die wir für ihr Blatt ermittelt haben, natürlich eigene Schlüsse ziehen. Wir geben lediglich vorsichtige Anregungen.“
Doch bilden Sie sich selbst eine Meinung. Hier die wichtigsten Thesen Nixdorfs:

Relevanz:
– Themen sollen Fragen und Bedürfnisse vieler Leserinnen und Leser aufgreifen
– Hohe Alltagsbetroffenheit: Hilfe bei der Bewältigung (nicht nur Probleme benennen, sondern auch Lösungen anbieten)
– Thema bewegt viele Menschen, erzeugt Meinungen und Stimmungen
– Sublokale Themen auf Möglichkeit untersuchen, sie thematisch zu öffnen, um größeres Publikum zu erreichen

Weiterentwickeln von Themen:
– Geschichten von hohem Leseinteresse sind häufig ausbaufähig
– Jeder neue Aspekt des Themas, jede neue Perspektive auf die Ausgangsgeschichte hat eine journalistische Berechtigung
– Fragen nach neuen Protagonistinnen und Protagonisten, Ereignisfolgen oder Konfliktlinien bieten oft Stoff für neue Geschichten
– Mögliche Ausgangspunkte bei der Entwicklung eines Themas sind: Nachrichten mit hohen Lesewerten, aber auch größere Texte
– Weiterdrehen als journalistisches Prinzip

Durchdachte Textideen:
– Was ist die beste – und den Leserinnen und Lesern nächste – Perspektive auf das Thema?
– Wie können sie emotional abgeholt werden?
– Welche Information interessiert aus Lesersicht am meisten?
– Welche erzählerische Herangehensweise ist dem Thema und den Protagonistinnen und Protagonisten angemessen?

Spannende Präsentation der Artikel
– Dreiklang als Spannungstor zum Text
Dreiklang meint: Zusammenspiel von Überschrift, Vortext und Texteinstieg. Nach Meinung Nixdorfs sollte es keine inhaltliche Zusammenfassung sein, was im Text folgt: „Halte ich für falsch. Erzeugen Sie lieber Spannung.“
– Gute Erfahrungen mit Cliffhanger

Ausgewogene Themenmischung

Ausgewogene Themenmischung

Personalisierte Geschichten:
– Menschen lieben Geschichten über Menschen
– Komplizierte Sachverhalte erschließen sich den Leserinnen und Lesern oft leichter
– Geschichten über Menschen bleiben oft nachhaltiger im Gedächtnis
– Emotionen!
– Frage: Kann ich den Leserinnen und Lesern das Thema über einen Protagonisten nahebringen?

Nachdenken über Darstellungsformen:
Fragen: Bericht oder doch lieber Reportage? Faktenstück oder emotionsstarkes Porträt? Interview oder nachrichtenstarker Bericht?
Die Wahl der Darstellungsform ist ein wichtiger Baustein für eine Zeitung, die nicht nur informativ ist, sondern auch spannend und emotionalisierend

Vielfalt der Darstellungsformen:
– Reportagen, Porträts und betrachtende Stücke sind von höchstem Interesse für die Leserinnen und Leser, sind aber in den meisten Tageszeitungen zu selten vertreten
– Pure Nachrichten finden im Print immer weniger Beachtung, sind aber die mit Abstand am meisten verwendete Darstellungsform

Weniger Ankündigungen:
– Verlautbarungen ohne eigene Recherche, v.a. Veranstaltungsankündigungen oft mit sehr geringen Werten
– Veranstaltungen mit erwartbar großem Leseinteresse lieber hochwertig und mit spannender Textidee präsentieren
– Zu viele Veranstaltungshinweise senken Gesamtwerte oft stark

Positive Geschichten:
– So lange sie kein Dogma sind

Georg-Dietrich Nixdorf von Lesewert

Georg-Dietrich Nixdorf von Lesewert

Ann-Kristin Schöne

Ann-Kristin Schöne ist Volontärin bei der Bundeszentrale für politische Bildung, Jugendmagazin fluter und Lokaljournalistenprogramm.

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