Folo 2015: Weg in „eine neue Ära“

Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-Anzeiger

Eröffnungsrunde. Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-Anzeiger

Ja zu mutigen Formaten, ja zu neuen Arbeitswegen, und ja zu einem selbstbewussten Journalismus, der Qualität bewahren will: Drei Tage lang sprachen mehr als 200 Teilnehmer und mehr als 50 Referenten aus Medien, Politik und Wissenschaft über den Lokaljournalismus der Zukunft. Einig waren sie sich vor allem über eins: Dass es sich lohnt, mit durchdachten Angeboten die unterschiedlichen Interessenlagen der Leser gezielt anzusprechen – und dass die Medienhäuser, die einfach so weitermachen wie bisher, nicht bestehen können.

Lokaljournalisten liefern exklusive Informationen über ihre Städte, Politiker und Wirtschaftsräume. Damit füllen sie eine genauso vielversprechende wie verantwortungsvolle Nische auf dem überlaufenen Medienmarkt. „Jeder sollte seinen Auftrag ausfüllen. Komm! Ins Offene, Freund!“, kommentierte bpb-Präsident Thomas Krüger die Eröffnung mit einem Zitat von Friedrich Hölderlin, neben einer Liebeserklärung ans Lokale auch ein Appell an transparente Arbeit bei Unternehmen wie Medienhäusern gleichermaßen.

Mediale Nutzungsgewohnheiten, Dialoge und Erzählformen im Netz ändern sich, die Zeitung muss mit ihren Lesern mitgehen. Der Frage, in welchen Formaten dieser Qualitätsjournalismus erfolgreich sein kann, ging Christoph Keese nach, Executive Vice President der Axel Springer SE. Eines seiner Positiv-Beispiele war die US-amerikanische Lokalzeitung Politico, die mehr als nur eine Website, sondern auch eine Pro Version und zugespitzte Formate wie das „Playbook“ anbiete. Mit Print mache sie nur noch 17 Prozent des Umsatzes. Für ihn liegen Zukunftsstrategien in einer differenzierten, nutzungsorientierten Produktpalette. Es gebe eine Gegenbewegung zum boulevardesken Journalismus, wie qz.com und ozy.com zeigten. „Long-form Journalism at its best“, kommentierte Keese. Auch „das Erlebnis von Abgeschlossenheit“ beim digitalen Lesen würde zu einer vielfach höheren Nutzungsdauer führen. Lokalredaktionen empfahl er, sich zu überlegen, „welcher Journalismus, welche Leistungen zehn Euro im Monat wert sind – und dann genau das zu liefern.“

Foto: Theresa Leberle

Christoph Keese. Foto: Theresa Leberle

Start-ups zählen häufig zu den innovativsten Firmen der Branche. Bernd Ziegenbalg, Geschäftsführer von Raufeld Medien, stellte eine neue App und Website vor: GO.Berlin ist eine Karte, die zeigt, was in Berlin passiert, und zwar nur mit journalistisch aufbereiteten Inhalten und Einordnungen. Wichtigste Erkenntnis: „Orte, die auf der Karte nicht bewertet werden, sind nichts wert und wurden nicht geklickt.“ Sebastian Pranz, Gründer eines anderen erfolgreichen Start-ups, dem FROH! Magazins, geht es hingegen um Longreads und visuelle Experimente. Journalismus biete „mehr als Google“, denn er habe „ethische Größe und kann Recherchewege transparent machen“.

Mit Florian Swoboda, Gründer von Barzahlen.de, machten die Teilnehmer einen Ausflug in den Vertrieb. „Viele Deutschen haben keine Kreditkarte, viele hinterlassen nur ungern Daten im Netz, die Hälfte bezahlt gerne bar“, sagte er. Sein Geschäftsmodell: Die Rechnung bekommt einen Barcode, oder der Käufer erhält einen Code per SMS und bezahlt wird dann in einer von 6.000 Einzelhandelsfilialen in Deutschland, darunter auch dm und Penny, die wiederum Barzahlen.de entlohnen. Fünf Praxisgespräche in kleinen Gruppen und Input-Veranstaltungen mit mehr als einem Dutzend Menschen auf der Bühne bildeten am Donnerstag das Herzstück des Forum Lokaljournalismus in Köln. Das Podium rund um Change Management war sich einig: „Change-Management ist immer Konfliktmanagement. Es betrifft nicht nur einzelne Mitarbeiter, sondern den Verlag“, sagte Ralf Freitag von der Lippische Landes-Zeitung.

Foto: Theresa Leberle

Podium zum Change-Management. Foto: Theresa Leberle

Dr. Brigitte Schwinge stellte ein vier-Räume-Modell des Wandels vor, über Selbstzufriedenheit, Ablehnung, Verwirrung bis hin zur Erneuerung. Für Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post, war klar: „Wer die neue Welt nicht anerkennt, muss gehen“. Nicole Hanisch vom Institut rheingold Salon zufolge zeigten jedoch Studien zur Mediennutzung, dass die Beschaffenheit dieser neuen Welt alles andere als entschieden sei. Ein Nutzungstyp sei der „Local Hero“, der an seiner Stadt und der lokalen Printzeitung hängt. Es gebe aber auch einen Nutzungstypen, „für den local mehr social ist, der sich also eher mit einer Community, mit Personen identifiziert statt mit einer Stadt“. Beide Gruppen können jedoch lokal bedient werde: „Identitätsthemen im Lokalen müssen sein“, und „Lokalredakteure sollten im Mittelpunkt der Community stehen“, war Bröckers Credo.

Austausch über die eigene Arbeit brachte vor allem das Format „Praxisgespräche“, das dieses Jahr in die zweite Runde geht.

In Gruppe I „Augmented Reality/Virtual Reality – Echter Mehrwert für die Leser“ stellten Martin Krotki von Connect2Media und Christian Radtke, Leiter Customer Relationship Management der Weser-Kurier Mediengruppe einige Anwendungsbereiche von AR vor. „AR ist die Brücke zwischen Print- und Digitalinhalten“, sagte Martin Krotki. Täglich werden laut Radtke 15 Artikel im Weser-Kurier mit Spezialeffekten wie beispielsweise Wetterradar oder Veranstaltungskalender versehen. Etwa 20.000 Euro kostet die Programmierung einer App laut Krotki, die eigene App würde jede Woche zwischen 3000 und 4000 Mal genutzt werden.

Im Praxisgespräch II „Paid Content – Konzepte und Erfahrungen“ wurde diskutiert, wie Zeitungen ihre Online-Inhalte vermarkten können. „Das Reichweitenmodell ist gescheitert“, sagte Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung; er ist überzeugt davon, dass man mit dem Festhalten daran viel Zeit verloren habe. Im Jahr 2013 stieg die Rhein-Zeitung in das Metered Model ein, 2014 ging sie von zehn Freiartikeln pro Monat auf zwei herunter. Etwa ein Drittel der Reichweite sei weggebrochen, allerdings habe die Rhein-Zeitung inzwischen 36.000 registrierte Nutzer.

In der Gruppe III „ Lokales 4.0 – von der Tradition zur Innovation“ stellten Michael Husarek von den Nürnberger Nachrichten das wöchentlich erscheinende digitale Magazin SamSon, sowie Tobias Köpplinger vom Nordbayerischen Kurier die neue Arbeitsweise der Redaktion „Online to Print“ vor. Lektion: Aktuelle Formate müssen online laufen, Nachrichten haben im Print ausgedient; gezielt entschleunigte Formate wie SamSon und zeitlose Erklärvideos und Reportagen lohnen sich online aber auch. Wenn man bereit ist, Personal zu investieren.

Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-Anzeiger

Forum Lokaljournalismus 2015: Nachfragen erwünscht. Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-Anzeiger

„Inspiration im Newsrom – neue Köpfe, neue Konzepte“, lautete das Motto des Praxisgesprächs IV. Zu den Neuerungen der Ostsee-Zeitung gehören beispielsweise: ein Schichtdienst von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends, fliegende Reporter, die mit einem Dienstwagen drei Tage pro Woche überall in der Region unterwegs sind und ihre Texte im Auto oder in eigens angemieteten kleinen Büros schreiben, und auch Facebook-Schulungen für die Mitarbeiter. Daniel Fiene, derzeitig Social Media Manager bei der Rheinischen Post, berichtete von positiven Erfahrungen mit WhatsApp: Jeder zweite würde versendete Links auch klicken – und es gebe jede Menge positives Feedback.

Praxisgespräch V „Lösungen für Smartphone, Tablet oder Web-App“ drehte sich um den mobilen Nutzer. „Die Nutzungs- und Lesegewohnheiten ändern sich und wir ziehen Konsequenzen“, sagte Philipp Ostrop, Leiter digitale Inhalte der Ruhr Nachrichten. Zum Beispiel mit neuen Social-Media-Redakteuren, die als „digitale Zusteller“ agieren, dem Chefredakteursnewsletter, den die Redaktion täglich morgens um 5 Uhr an etwa 10 000 Empfänger via E-Mail verschickt und mit einer digitalen Sonntagsausgabe nur für Abonnenten des E-Papers. Die Stuttgarter Nachrichten stellten die Nachrichten-App S-Vibe vor, die Artikel nach einem Algorithmus aus Aktualität und Klickzahlen sortiert.

Wieder zurück auf dem Podium diskutierten Politiker, Wissenschaftler und Journalisten über Haltung und Mittel eines Journalismus, der noch Wächter und Erklärer im Lokalen sein kann. Dr. Christian Humborg, Geschäftsführer von CORRECT!V glaubt, dass „viele Menschen das Gefühl haben, dass Zeitungen Widersprüche nicht hart genug ansprechen und aufdecken.“ Laut Zeitungsforscher Horst Röper seien Redaktionen teils zu schwach besetzt, um kritisch zu berichten. „Die Frage ist: akzeptieren wir es als Gesellschaft, dass die Ressourcen für den Lokaljournalismus geringer sind?“ Auch Marc Jan Eumann, Staatssekretär bei der Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen, stellte die Finanzierungsfrage und schielte auf Steuern und das Gemeinwesen. „Wir finanzieren schließlich auch Goethe-Institute, damit sie die deutsche Kultur in die Welt bringen.“

Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-Anzeiger

Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-Anzeiger

Wer vermitteln und Inhalte in die Welt bringen will, muss verstanden werden. Eine tolle Optik hilft dabei. Norbert Küpper, Zeitungsdesigner, brachte ein „Best of European Newspapers“ mit. „Die ganzen Zeitungen in Europa sind auf Tabloid gegangen, weil sie dann dicker wirken“, sagte er. Mit Dutzenden Layoutern werden Doppelseiten großräumig genutzt für riesige Fotos, Fotoreportagen, Grafiken und liebevoll arrangierten Objekten und Texten; die besten Beispiele fänden sich in Skandinavien.

Diese Designs sind nicht selten preisgekürt. Der wohl begehrteste Preis im Lokaljournalismus ist jedoch der Deutsche Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Wer laut Juryleitung Heike Groll Preise gewinnen möchte, müsse „ein Stadtgespräch anstoßen, das auch eines bleibt“. „Wichtig ist es, konzeptionell zu denken und organisiert zu arbeiten. Qualitätsfragen sind auch Organisationsfragen“, sagte Dr. Dieter Golombek, der bisher Sprecher der Jury und auch Gründer des Lokaljournalistenprogramms Konrad  Adenauer Stiftung war.

In einer Welt, in der „Algorithmen Menschen verändern“, Smartphones zum Beruhigungsmittel der Masse werden und sich der Leser nach einem roten Faden im Informationschaos sehnt, darf der Journalist nicht einfach nur Nachrichten bringen. Vor allem muss er sich selbst zur Diskussion stellen und Innovationen persönlich nachvollziehen. “Als Journalist muss ich ganz genau wissen, was passiert”, sagte Christoph Krachten, Geschäftsführer von Videodays GmbH auf dem Podium über “Medien 2020: “So geht Aufbruch ohne Ballast”. Der Ballast, von dem wir uns befreien müssen, sind laut Krachten falsche Denkmuster. „Ich muss wissen, was die Stärken und Schwächen meines Mediums sind”.  Für ihn ist Zeitung „kein Nachrichtenmedium mehr“.

Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-Anzeiger

Donnerstagabend im Kölner Karnevalsmuseum. Das Abendprogramm organisierte der Kölner Stadt-Anzeiger. Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-Anzeiger

Ein zentrales Medium ist das Smartphone. Laut Stephan Grünewald, Geschäftsführer des rheingold-instituts,  ist es “zum Körperteil” geworden. Je mehr die Menschen mit dem Smartphone verwachsen sind, desto mehr kreisen die Menschen um sich selbst”, sagte er. Die andere Entwicklung sei aber, dass die Leute wieder “in Geschichten eintauchen und an Schicksalen teilhaben wollen”. Das könne der Lokaljournalismus leisten. Der Lokaljournalist werde “zum lokalen Eventmanager”. Er wird die Menschen ins Gespräch und zusammenbringen.

Auf dem Abschlusspodium wurden all die Themen gestreift, die die Branche umtreiben: Digitalisierung, Finanzen, Nähe zum Leser, junges Zielpublikum, struktureller Wandel. Mit den Worten von Christoph Linne, Chefredakteur der Oberhessischen Presse: „Inhalte, Daten, Netzwerke“ – darum gehe es in Zukunft. Leicht wird es nicht, Lösungen zu erarbeiten. Denkanstöße gedeihen aber am besten im Austausch – wie auf dem Forum Lokaljournalismus.

Sabrina Gaisbauer

Sabrina Gaisbauer ist Referentin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

  • © Copyright 2016 drehscheibe. Alle Rechte vorbehalten.
Top