Gar nicht zum Gähnen

Das Thema Kommunalpolitik muss nicht langweilig sein. Sebastian Tauchnitz, Redaktionsleiter bei der Thüringer Allgemeinen, und Holger Knöferl, Leiter der Heimatredaktion/Chefredaktion bei der Badischen Zeitung, haben Ratschläge, wie Kommunalpolitik spannend erzählt werden kann und gar nicht zum Gähnen ist.

Sebastian Tauchnitz, Thüringer Allgemeine

Sebastian Tauchnitz, Thüringer Allgemeine

Sebastian Tauchnitz rät:
–    Machen Sie weiter! Wenn man über einen längeren Zeitraum an einem Thema dranbleibt, steigt der Lesewert deutlich an. Gerade, wenn die Redaktion schon keinen Bock mehr darauf hat. Bsp.: Tatort Erfurt, zu dem die Thüringer Allgemeine über eine Woche hinweg berichtet hat
–    Kommentieren Sie! Beziehen Sie Stellung! Kommentare und Leitartikel werden weit überdurchschnittlich gelesen
–    Recherchieren Sie spannende Geschichten. Es lohnt sich.
–    Sparen Sie sich Zahlen oder ellenlange Zitate, seien Sie sparsam mit dem Konjunktiv. Das wirft die Leser aus Ihren Texten
–    Nehmen Sie sich den Platz, den Sie brauchen. Auch lange Stücke werden gelesen, wenn sie spannend und gut geschrieben sind
–    Verkneifen Sie sich feuilletonistische Überschriften. Sie sind ein sicherer Weg, Ihre Leser zu desinteressieren. Nachrichtliche Überschriften mögen langweilig erscheinen, sind aber erfolgreich
–    Haben Sie eine Meinung! Begründen und diskutieren Sie sie mit Ihren Lesern!
–    Verwenden Sie Ihre Zeit lieber damit, Nachrichten zu finden; verschwenden Sie sie nicht mit Infokästen und Tabellen. Große Ausnahme: Infografiken sind ein Lesermagnet.
–    Schauen Sie sich in den sozialen Netzwerken um, schauen Sie den Leuten aufs Maul. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, auf Facebook zu gucken, welche Gerüchte dort über Flüchtlinge kursieren und die absurdesten zusammengestellt und daraus einen Artikel gemacht, der sehr gut lief

Sebastian Tauchnitz Tipps basieren u.a. auf den Ergebnissen einer Lesewert-Studie, die die Thüringer Allgemeine durchgeführt hat

Holger Knöferl, Badische Zeitung, gab via Skype Tipps

Holger Knöferl, Badische Zeitung, gab via Skype Tipps

Holger Knöferl rät:
–    Da die erste Erwartungshaltung der Leser ist, schnell und umfassend informiert zu werden, sind Infos und Fakten das Wichtigste
–    Nehmen Sie die Lesersicht ein und tappen Sie nicht in die Expertenfalle
–    Bereits bei der Vorbereitung auf die Berichterstattung sollten Sie sich überlegen, welchen Wissensstand die Leser haben. Nicht zu viel Vorwissen voraussetzen
–    Der Leser muss alles von A bis Z bekommen, Formate: klare Erklärstücke. Auch die Zusatzrecherche ist wichtig; nicht nur das nehmen, was vor der eigenen Nase (im Gemeinderat, Stadtrat) passiert
–    Fachwissen aneignen. Sie müssen wissen, wie ein Haushalt funktioniert, wie eine Verwaltung aufgebaut ist oder was das Planungsrecht besagt
–    Unbedingt vor Ort sein, man muss an die Quelle der Nachricht. Also selbst zu den Stadtratssitzungen gehen. Alles andere ist Konservenjournalismus
–    Vorher nachdenken, welche Gesichtspunkte wichtig sind, welche Geschichte man erzählen will, welches Format genutzt, welcher Kanal bespielt werden soll. Das für sich vorher zu klären, spart hinterher viel Zeit und erleichtert die Arbeit
–    Multimedia: Es lohnt sich, Online-Dossiers anzulegen für große kommunale Themen, die über viele Jahre laufen. Man kann die Beiträge entweder online sammeln oder aber das Portal pflegen und fortschreiben. Letzteres bedarf allerdings eines hohen Aufwands
–    Zugang von den Betroffenen her ist immer gut. Z. B. Erhöhung der Kindergartengebühren an Modellfamilien erzählen. Die Badische Zeitung hat drei Familien ausgesucht und mit ihnen durchgerechnet, was die Erhöhung konkret für sie bedeutet
–    In die eigenen Leute investieren: Bei der Badischen Zeitung werden z. B. hausinterne Trainings zum Handwerk (Wie funktioniert eine Nachricht?) sowohl für Redakteure als auch für freie Mitarbeiter angeboten. Wenn man da investiert, zahlt es sich extrem aus. Wir stellen fest, dass die Qualität von Interviews enorm gestiegen ist, auch die von Nachrichten

Wer jetzt gerne noch ein paar mehr konkrete Beispiele hätte, der abonniert am besten die drehscheibe. Denn die Redaktion der drehscheibe wertet täglich mehr als 150 Zeitungen aus mit dem Ziel, Lokalredaktionen Ideen und Best Practice Beispiele an die Hand zu geben.

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Ann-Kristin Schöne

Ann-Kristin Schöne ist Volontärin bei der Bundeszentrale für politische Bildung, Jugendmagazin fluter und Lokaljournalistenprogramm.

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