Lokaljournalismus punktet mit Exklusiviät und neuem Heimatbegriff

Über die Chancen lokaler Medien im Internet-Zeitalter diskutieren Redakteure auf dem 20. Forum Lokaljournalismus der Bundeszentrale für politische Bildung in Bremerhaven, das jetzt beginnt. Der Leiter des Journalistenprogramms der bpb, Berthold L. Flöper, erläuterte vorab im Interview mit dapd-Korrespondentin Inge Treichel, warum er der Ansicht ist „Das Herz des modernen Journalismus schlägt im Lokalen.“

Inge Treichel: Sie plädieren für einen „neuen“ Lokaljournalismus; in welcher Hinsicht bedarf es nach Ihrer Auffassung am dringendsten Änderungen?

Berthold L. Flöper: Aus meiner Sicht sind drei Dinge wichtig: Erstens, es gilt heute den Heimatbegriff ganz neu zu erfinden. Wir kaufen die Brötchen morgens um die Ecke, kennen unseren Eismann mit Namen, und gleichzeitig sind wir auf Facebook um die Welt unterwegs. Deshalb brauchen wir vor allem Texte, die die großen Themen in meinen Alltag transportieren. Zweitens: Relevanz und Mitmischen. Das heißt, wissen, was der Leser will und klare Kante zeigen. Drittens: Exklusivität. Und die liegt nun mal im Lokalen. Es geht nicht um die 1.000 aufgewärmte Newsmeldung aus aller Welt. Die habe ich schon lange auf meinem iPhone gesehen. Es geht um Nähe und lokale Kompetenz.

Treichel: Seit 40 Jahren engagiert sich die Bundeszentrale für politische Bildung für einen lesernahen, qualifizierten Lokaljournalismus. Gibt es bestimmte
Konzepte, die sozusagen als Erfolgsmodell gelten könnten?

Flöper: Schon das Wort Konzept könnte in unserem Programm erfunden worden sein: „Zeitung machen mit Konzept“ war immer unser Motto, und das ist erfolgreich. Nicht das Hinterherjagen von Terminen, sondern: Themen setzen heißt die Devise. Nur mit dieser Philosophie machen sich Redaktionen unangreifbar und unverwechselbar. Ansonsten gibt es heute keine Blaupausen mehr, die man so übernehmen könnte. Das Ausprobieren ist angesagt.

Treichel: Wie haben sich die Zahlen der Teilnehmer an Modellseminaren der bpb im Lauf der Jahrzehnte entwickelt, nimmt das Interesse tendenziell eher zu oder ab?

Flöper: Die Nachfrage nach unseren Modellseminaren hat, auch wegen des digitalen Umbruchs und der Veränderung des Berufsbildes, zugenommen. Die
Teilnehmer wissen, Sie haben hier mit einer besonderen Weiterbildung zu tun, die sie selber steuern und damit einen einzigartigen Praxisbezug bekommen. Bei
uns erklären nicht die Professoren die Welt, sondern die Teilnehmer, die Community selbst: Das Voneinander Lernen steht im Mittelpunkt.

Treichel: In den vergangenen Jahren war in der Zeitungsbranche oft von Zwängen zur Reduktion der Personalkosten die Rede. Ist eine Qualitätssteigerung auch ohne hohe Investitionen zu erzielen?

Flöper: Natürlich brauchen wir Qualität. Nur jede Lokalzeitung muss den Qualitätsbegriff für sich selbst entwickeln. Dazu braucht es natürlich hochmotivierte und hochqualifizierte Redakteure, die aus den vorgegebenen Strukturen ausbrechen dürfen. Erfolgreiche Zeitungen brauchen mutige Macher.

Treichel: Sind Zeitungen in ihrer Rolle als Mittler zwischen Lesern und zum Beispiel Politikern überhaupt noch gefragt, da kontroverse Themen heute immer
„von selbst“ ein Forum im Internet finden?

Flöper: Lokaljournalisten sind, wenn sie ihrer Arbeit gut machen, ehrliche Makler und können viele Leute an einen Tisch holen, der kann auch im Internet
sein. Journalistische Standards können den Diskurs erleichtern und demokratisch Prozesse und Teilhabe an der Veränderung der Gesellschaft nur bereichern. Sie haben nach wie vor die kreativsten Möglichkeiten und das Wissen, einen breiten Diskurs zu führen, der alle mitnimmt. Dabei sind die Form und der Kanal
zweitrangig.

Treichel: Welche Möglichkeiten sieht die Bundeszentrale für politische Bildung, Schüler für das Medium Zeitung stärker zu interessieren?

Flöper: Zunächst einmal sind wir für alle Medien offen: Die vielen Projekte „Zeitung in der Schule“ sind hervorragende Aktivitäten der Verlage zu zeigen,
wie Journalismus funktioniert und was Pressefreiheit heute bedeuten kann. Material dazu finden Sie auf www.bpb.de. Wir unterstützen aktiv die Ideen und Angebote der Jugendpresse und der Nationalen Initiative Print. (dapd)

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