Mini-Podium Wächteramt: „Wenn Gegenwehr kommt, weiß man: Jetzt geht es richtig rund“

Jürgen Gückel berichtetBei all den Diskussionen über innovative Umsetzungsstrategien in den Redaktionen sollte eines nicht unter den Tisch fallen: Der Lokaljournalismus leistet etwas. Die Rede ist jetzt nicht von Verkaufszahlen, tollen Technologien oder den einzelnen Lesern. Der Lokaljournalismus leistet einen wichtigen Beitrag zu unserer Gesellschaft: Er ist der Wächter vor Ort, kann Korruption und Missbrauch aufdecken, mit einer Strahlkraft, die weit über die Region hinausreicht. Auf unserem Podium „Die lokalen Wächter“ erzählen die Wächterpreisträger Jürgen Gückel, Redakteur Göttinger Tageblatt, und Frank Thonicke, Leiter Lokalredaktion Kassel beim HNA, von ihren Erfahrungen mit Widerständen und dem richtigen Riecher für skandalöse Verwicklungen.

Wofür sie den Wächterpreis bekommen haben:

Gückel vom Göttinger Tageblatt hat 2013 den 1. Preis beim Wächterpreis zusammen mit Dr. Christiana Berndt, Süddeutsche Zeitung und Heike Haarhoff, taz gewonnen. Unabhängig voneinander haben sie „schwere Unregelmäßigkeiten und Fehlentwicklungen in der deutschen Transplantationsmedizin recherchiert und öffentlich gemacht. Ihre Veröffentlichungen beschleunigen den Prozess, die gesetzlichen Grundlagen der Organspenden grundlegend neu zu regeln“, heißt es auf der Dokumentationsseite zum Wächterpreis http://www.anstageslicht.de/ wo alle Geschichten nachgelesen werden können. Jürgen Thonicke vom HNA, der auch bei dem Fall des „Kannibalen von Rotenburg“ intensiv an der Recherche beteiligt war und schon viel gesehen hat, hat den ersten Preis im Jahr 2006 gewonnen. Ausgezeichnet wurde er für seine „Aufdeckung von Käuflichkeit journalistischer Leistungen in der Sportredaktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders Hessischer Rundfunk“. Gemeint ist der ehemalige HR-Sportchef Jürgen Emig.

Solche fertigen Einträge zu Preisträgern erschienen immer so glatt, als wäre es alles ganz einfach gewesen. Was steckt hinter den Geschichten?

Gückel deckt auf: Transplantationsskandal in Göttingen

„Einige Leser bieten uns Geschichten an, die erst ganz dramatisch klingen, dann aber immer kleiner werden. In dem Fall sollte es anders werden“, beginnt der Gerichts- und Polizeireporter Gückel zu erzählen. Ein vielsagender Anonym@Anonym.de habe der Redaktion mitgeteilt: „„Verdacht, dass Prof. O. mit Lebern handelt. Er habe sich wohl in das Ausland abgesetzt“. Dazu gab es sehr präzise Angaben zu dem Schauplatz, der Abteilung Transplantationsmedizin bei der Universitätsmedizin Göttingen. Der Hinweis wirke authentisch, befanden Lokalchefin Britta Bielefeld und Gückel. Schnell wurde klar: Das soll ins Blatt.  „Ich habe dann bei der Staatsanwaltschaft die Information bekommen, dass ein Ermittlungsverfahren mit Verdacht auf Bestechlichkeit läuft“. Später fand Gückel beim Klinikum heraus, dass der fragliche Professor sich bereits von dem Klinikum getrennt habe. Beziehungsweise sie sich „im gegenseitigen Einvernehmen“ getrennt haben. „Von Organhandel hätten die aber nichts gehört“, sagt Gückel. Diese Informationen, besonders die der Staatsanwaltschat reichten für einen Aufmacher. Juristische Absicherung sei mit am wichtigsten. Der Arzt war übrigens zwischenzeitlich tatsächlich kurz im Ausland, auf Jobsuche im arabischen Raum.

Wie wurde die Sache Online gebracht?, möchte ein Teilnehmer wissen. Die Antwort ist: es sei sogar zuerst online gewesen. Ganz exklusiv. Die Zentralredaktion habe das Problem zuerst gar nicht richtig eingeschätzt. Also habe die Lokalredaktion die Geschichte abends gegen 21, 22 Uhr selbst online gestellt.

„Plötzlich war deren Seite offline“

Es habe kurz danach verdächtige „sonderbare Begebenheiten gegeben“: Am zweiten Tag der Recherche sei plötzlich die Internetseite des Transplantationszentrums down gewesen. „Wenn irgendwo Gegenwehr kommt, weiß man: Jetzt geht es richtig rund“, sagt Gückel.  Am fünften Tag danach erschien dann auf Seite drei der Süddeutschen der umfangreiche Hintergrundartikel von Berndt. Ein paar Fernsehsender meldeten sich bei Gückel, der habe jedoch abgelehnt.“ Danach war erst mal vier Wochen Ruhe, der Korruptionsverdacht „Geld gegen Leber“ stand aber nach wie vor im Raum“, sagt Gückel. Dann ging alles ganz schnell: Beim Kongress der Deutschen Transplantationsgesellschaft in Berlin sind 25 Verdachtsfälle an der Uniklinik in Göttingen ans Licht gekommen. Schnell hieß es „Das ist der größte Transplantationsskandal, den wir hier je hatten“. Es bestand der Verdacht, dass Menschen operiert worden seien, ohne dass tatsächlich die Notwendigkeit besteht. Es seien auch Menschen gestorben. Zudem seien auch Leute operiert worden, die medizinisch gar nicht geeignet gewesen waren, wie Drogenabhängige etc. Die Pressekonferenz am Klinikum Göttingen war rasend schnell brechend voll. Das Ergebnis: Die Warteliste für eine Leber an dem Klinikum wurde manipuliert. „Ermittelt wurde erst nur gegen einen, aber es kristallisierte sich heraus, dass ein Ärzteteam ein ganzes System geschaffen hatte, um schnell an Lebern zu kommen.“ Falschangaben über Dialysen und manipulierte Blutwerte sollten einzelne Menschen auf der Warteliste weiter nach oben pushen, sodass sie teilweise noch in derselben Nacht eine neue Leber bekommen haben. Als sich dann Prof. O. wirklich absetzen wollte, wurde er des versuchten Totschlags in 11 Fällen angeklagt. Denn: Wenn Leute an die Spitze der Liste gemogelt werden, müssen andere, eigentlich viel dringendere Patienten zurückstehen. Da sie hätten sterben können, seien sie Opfer eines versuchten Totschlags, argumentierte das Gericht.

Und wie hat die Redaktion bzw. Gückel dann den Wächterpreis bekommen? Nun, sie warten die ersten. Sie enthüllte den Skandal, und machten bei der Bewerbung darauf aufmerksam. „Jeder hat nach seinen Kompetenzen und seinem Auftrag gehandelt. Wir haben als Lokalzeitung den Auftrag, für unsere Region zu schreiben.“ Das Überregionale hätten sie den anderen überlassen – und das sei gar nicht schlimm gewesen. Aber: „Seitdem rufen mich auch immer wieder überregionale Kollegen an“, die ihre Arbeit gerade in dem Themenbereich nun viel ernster nehmen würden. Die Redaktion des Göttinger Tageblatts habe übrigens bis zum Schluss nicht den Namen des Arztes voll genannt.  „Er hat uns gegenüber dann nicht ein einziges Mal interveniert oder gedroht.“

Thonicke bringt Skandal ins Rollen: HR-Sportchef verkauft Sendezeit für viel Geld

Auch Thonicke kennt sich aus mit schwierigen Rercherchen und Enthüllungen von Skandalen. Seine Geschichte begann 2004 bei einem Eishockeyspiel in Kassel. Ihm ist aufgefallen, dass der Sportchef des Hessischen Rundfunks Jürgen Emig im Publikum saß, habe sich aber zunächst nicht so viel dabei gedacht. Abends, als er den Spielbericht gesehen hat, war er erstaunt, wie präsent über Hessenlotto berichtet wurde, die in den Pausen kleinere Spiele angeboten hatten. Verdächtig präsent. Mehr als die Hälfte der Sendezeit über das Spiel sei für Hessenlotto genutzt worden. Nach einer Recherche fand Thonicke heraus, dass die Frau von Emig in einer PR-Agentur tätig war, zu deren größten Kunden Hessenlotto gehörte. Diese fragwürdigen Verbindungen erschienen im HNA. Thonickes Riecher für onskure Geschäfte sollte einen großen Skandal ins Rollen bringen: Emig hatte systematisch Sendezeiten gegen Geld verkauft. Wer zahlte, kam ins Fernsehen. „Danach kam ich kaum vom Telefon weg. Alle erzählten mir von der Zusammenarbeit mit Herrn Emig“. Thonicke habe am Ende eine Liste mit 40, 50 Managern und Sportvereinen gehabt, die alle dasselbe erzählt hätten. Der Verdacht erhärtete sich.  „Selbst Bundesliga-Handballer hatten für Herrn Emig mehrere Tausend Euro zusammengetragen“, sagt Thonicke. Nach drei Wochen erklärte Emig dann seinen Rücktritt. Die offizielle Lesart war, dass Emig von sich aus zurückgetreten sei. „Dann kamen aber auch die ganzen Versagen des HR zur Sprache“, sagt Thonicke. „Gleichzeitig hatte die Staatsanwaltschaft die ganzen Artikel gelesen und leitete ein Ermittlungsverfahren ein“. Emig wurde im Herbst 2008, drei Jahre nach seiner Verhaftung, zu rund zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Hatten sie Hemmungen gegen den Journalist zu recherchieren, möchte ein Teilnehmer wissen. „Es ist natürlich schwieriger gegen eigene Kollegen zu schreiben als gegen Manager“, sagt Thonicke. Die Folgen – die ja bis ins Gefängnis reichten – seien damals auch kaum absehbar gewesen. Dennoch: „Es ging um die Sache“. Dieser Skandal um Käuflichkeit hatte die Berichterstattung quasi nicht nur gerechtfertigt, sondern geboten. Dennoch sei es ein unbeliebter Job gewesen. Die meisten seien froh gewesen, dass die anderen den Dreck für sie erledigen, sagt Thonicke.

Viele Ansprechpartner stellen sich tot

Beiden „Wächtern“ sei das Phänomen begegnet, dass sich die betroffenen Einrichtungen sich „tot stellen“ und das Problem aussitzen wollten. Man müsste dran bleiben, nach weiteren Quellen suchen. Es gebe laut Gückel drei Bereiche, in denen es unglaublich schwer sei zu recherchieren. Der erste sei Verfassungsschutz und V-Leute. Der zweite Bereich, der „schwierig, fast unmöglich ist“, sei das Finanzamt. Egal was man frage, man bekomme in der Regel eine Antwort „Steuergeheimnis!“. Auch auf dem Kapitalmarkt sei es schwer etwas aus Betroffenen rauszukommen, weil sie bis zuletzt hofften, dass sie „doch nicht die gelackmeierten“ seien. Über sechs Jahre habe er mal in einem „Wirtschaftsclub“ recherchiert, bis zuletzt sei es schwer gewesen, Informationen zu erhalten. Thonicke stimmt ein, dass auch Angaben vom Justizministerium schwierig zu erhalten wären.

Viel Hartnäckigkeit kostet aber auch Zeit. „Leider hat sich unser Arbeitsalltag in den letzten Jahren so verdichtet, dass eine so intensive Recherche kaum mehr möglich ist“, sagt Thonicke. Jeder Kollege sei verpflichtet sein Thema in allen Kanälen umzusetzen, das koste Zeit. Und genau die brauche man, um sein Wächteramt zu erfüllen. Es geht nur im Team, mit Luft. Aber: Es ist möglich.

„Dass es Lokalzeitungen dennoch gelingt aus dieser Dichte auszubrechen, spricht für ihre große Qualität“, bringt Anke Vehmeier, freie Journalistin und Seminarleiterin hier, es zum Schluss auf den Punkt.

 

 

 

 

 

Sabrina Gaisbauer

Sabrina Gaisbauer ist Referentin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

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