Nachsitzen bitte!

Zu undifferenziert, zu unkritisch und nicht nah dran an den Flüchtlingen. Das sind die Ergebnisse der Studie von Michael Haller zur Berichterstattung der Medien während der „Flüchtlingskrise“. Aber der Medienwissenschaftler hat nicht nur Kollegenschelte mitgebracht, sondern auch Ansätze, wie es besser gehen kann.

Mediennutzer sind anspruchsvoll. Das ist das erste, was Michael Haller den 30 Lokaljournalisten und Lokaljournalistinnen aus ganz Deutschland mit auf den Weg gibt. Sie erwarten umfassende Informationen – also die Darstellung verschiedener Positionen und Akteure – eine klare Trennung zwischen Nachricht und Meinung sowie neutrale Berichte. Das deckt sich größtenteils mit den Vorgaben der Landesmediengesetze und dem eigenen Anspruch an die journalistische Profession. Nur: In der Berichterstattung zur „Flüchtlingskrise“ konnte die Mehrzahl der Medien diesen Ansprüchen nicht gerecht werden und hat damit ihre Glaubwürdigkeit bei den Nutzern gefährdet.

In seiner Studie hat Haller in Zusammenarbeit mit der Uni Leipzig und der Hamburg Media School 35.000 Artikel im Zeitraum von Januar 2015 bis März 2016 untersucht. Sie stammen aus den fünf reichweitenstärksten Online-Newsmedien, den drei Print-Leitmedien SZ, FAZ und Welt (z.T. mit Bild), sowie 87 Lokal- und Regionalzeitungen.

 Kernbefunde der Studie

  1. Die Themensetzung folgte nicht den Tatsachen, sondern der Politik

Bis Juli 2015 spielte die Flüchtlingsberichterstattung in den Medien eine Nebenrolle, obwohl bereits monatlich 30.000 Flüchtlinge nach Deutschland kamen. SPON und Tagesschau.de brachten 0,8 News pro Tag. Ab Ende Juli starker Anstieg auf 17 News pro Tag. „Das heißt, dass die Menschen plötzlich einer Informationslawine ausgesetzt wurden“, betont Haller. Damit einher ging eine Vermischung der Begrifflichkeiten: Alle, die nach Deutschland kamen waren Flüchtlinge – egal ob sie vor Krieg flohen oder vor wirtschaftlichen Problemen in ihrem Heimatland.

  1. Die Sicht der Leitmedien folgte der Politik-Elite (Regierung)

Die Berichterstattung in den Leitmedien wurde zu drei Vierteln durch Parteien, Politiker und Behörden geprägt – davon wiederrum 84% durch die Regierung. Auf 100 Politiker kam ein Experte in Artikeln zu Wort, auf 16 Politiker ein Flüchtling. Kritische Fragen fehlten laut Haller überwiegend.

„Sie können sich ja heute noch auf YouTube das Video der Kanzlerin in der Bundespressekonferenz anschauen mit dem berühmten Satz ‚Wir schaffen das‘. Da ist kein Journalist aufgestanden und hat zurückgefragt: Wie meinen Sie das Frau Bundeskanzlerin? Was heißt ‚Wir‘ und ‚schaffen‘ und ‚das‘?“

  1. „Willkommenskultur“ als Kampagne in der Lokal- und Regionalpresse

 Das Narrativ der „Willkommenskultur“ stammt ursprünglich vom Industrie- und Arbeitgeberverband, der es 2005 ins Leben rief. Als Konzept gegen Fachkräftemangel fand es ab 2010 auch seinen Weg in die Parteiprogramme. Erst 2014 änderte sich die Konnotation des Begriffs, gemeint waren nun Fremde, nicht Arbeitnehmer. Der Grund ist laut Haller naheliegend: „Schon seit 2014 war die behördliche Seite überfordert und nun wurde die Zivilgesellschaft angesprochen, sich zuwendend und Sorge tragend um die nach Deutschland gekommenen Menschen zu kümmern. “

Schlussfolgerungen

  • Im Sommer 2015 kam es zu einer Informationsüberflutung der Mediennutzer. Die Reaktion: Irritation und Abwehr.
  • Akute humanitäre Hilfe für Migranten wurde mit einer generellen Willkommenskultur für Arbeitskräfte und einer „zwingenden“ Moral, offene Grenzen zu befürworten, verknüpft. Die Reaktion: Verängstigung.
  • Daraus folgte eine Spaltung der Gesellschaft in Helfer und Verweigerer. Statt Diskurs entstand eine Schweigespirale.

„Das heißt, dass der gesellschaftliche Diskurs nicht mehr stattfindet im Sinne einer auf Verständigung ausgerichteten, integrativ gewollten Thematisierung.“

Wie geht’s besser?

Die Ergebnisse der Studie sind ernüchternd, aber sie zeigen auch, an welchen Stellschrauben Journalisten arbeiten müssen. Haller hat nämlich nicht nur die Kritik, sondern auch drei Tipps mitgebracht, wie sich die eigene Arbeitsweise verbessern lässt:

  • Mehr Selbstreflexion wagen

Unter Journalisten gibt es eine hohe Übereinstimmung an politischen kulturellen Grundwerten, weil sie z.B. in der Regel aus der Mittelschicht stammen. Diese „Frames“ prägen ihre Sichtweise, deswegen gilt es, sich dieser selbst bewusst zu werden, um sie auch bewusst brechen zu können.

  • Das Lokale beleben

Guter Lokaljournalismus ist das Mittel der Wahl: Selbst rausgehen und recherchieren statt den anderen hinterherzuschreiben. Und vor allem runterbrechen aufs Lokale und anschaulich machen.

„Man muss Komplexität nicht bis auf einen Schlagsatz reduzieren.“

  • Den Perspektivwechsel einläuten

Journalisten sollten viel öfter aus der Sicht der Bürger die Akteure befragen und Politiker kritisch begleiten. Viele Journalisten wüssten laut Haller fast nichts über ihre Leser.

„Sei skeptisch und glaube nichts. Auch nicht den Vorurteilen, aber halte alles für möglich. Bleibe neugierig und offen. Übernimm die Sicht derjenigen, für die Du schreibst.“

Die Medienkritik von Haller wurde vom Plenum zum Teil als zu pauschal zurückgewiesen. Für den Medienwissenschaftler eine typische Abwehrreaktion, die er nicht gelten lässt. „Jeder kann jetzt sagen, er hat hier oder da eine tolle Geschichte gemacht. Das hat überall stattgefunden. Aber die Daten, die ich Ihnen gezeigt habe, können Sie damit nicht entkräften.“

Hier gibt’s die komplette Studie zum Download.

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