Podium: Gegen den Strom schwimmen – und nah am Menschen

MinipodiumFrüher war alles besser? Nun, es war zumindest anders: Auf dem Podium „Innovation in Lokalredaktionen – gestern und heute“ reden Johann Stoll, Redaktionsleiter Mindelheimer Zeitung, Dieter Schreier, Chefredakteur Hanauer Anzeiger, Lars Reckermann, Chefredakteur Schwäbische Post/Gmünder Tagespost und Katharina Ritzer, Redaktionsleiterin Online und Digitales Nordbayerischer Kurier darüber, wie man die Redaktion voranbringt. Darüber, was wirklich zählt. Es wird erfrischend direkt.

Die Diskussionsrunde beginnt klassisch: Was muss man heute tun, um Qualität im Blatt durchzusetzen? Für Stoll ist Humor im Blatt wichtig, und berichtet davon, wie die Zeitung mal den Nikolaus aufgrund seiner vielen Einbruchsdelikte festnahm (diesen und weitere Artikel finden Sie hier: Verhafteter Nikolaus, LandratswahlKandidatengrillen 2013 ) „Man darf sich nicht vom Terminjournalismus jagen lassen“.

Gilt das auch für Online?

„Ich bin kein Freund davon, so zu tun, als seien Online-Leser andere als Print-Leser“, sagt Ritzer. Ob eine Geschichte ankommt, ob sie einen Nerv trifft – wie eine Geschichte über einen toten Hasen bei der Hasenpest, die bei facebook über 300 mal geteilt wurde – sei immer wieder Überraschung. Auf den Kanälen würde sich das nicht extrem unterschieden, schließlich handle es sich immer um User, die in der Region wohnen und den Bezug zu ihrem Leben suchen. Wenn etwas Online aber gut läuft, wirke es in Print zurück. „Wir sitzen da an einem Tisch“, stellt Ritzer klar. Was sie aber zum Beispiel „wahnsinnig geärgert“ habe, ist, dass ein Video, das online sehr gut lief, erst ins Blatt gehoben wurde, als sich der Trend woanders widergespiegelt habe – ihr eigener Hinweis darauf sei ignoriert worden. „Nach dem Motto: Wenn es nicht in der dpa ist, ist es keine Geschichte.“ Hier gebe es deutlichen Verbesserungsbedarf.

Sich nicht so viel Stress machen?

Das ist jedoch kein Thema, das Reckermann in dem Moment unter den Nägeln brennt. „Was ich spannend finde: Wir haben unglaublichen Druck, immer kreativer zu werden“, sagt er. „Manchmal muss es auch mal gut sein“. In seiner Redaktion gebe es keinen reinen Onliner, sondern nur Redakteure, die alles können müssen. Mehr sei mit kleinen Redaktionen nicht machbar. Und von dieser Symbiose könnten die Inhalte sogar profitieren. „Eine Überschrift, die über Google gut gefunden wird, kann auch für das Blatt nicht schlecht sein.“

Bis jetzt ist der Abend noch brav. Dann fängt der Slapstick an: Schreier stimmt Reckermanns Tenor zu : „Man muss nicht gleich verrückt spielen.“ Wenn die Redaktion es schaffe, dass der Leser einmal bei Zeitungslesen am Frühstückstisch lache, dann reiche das schon. Der Kernpunkt sei für Schreier, für die Leser zu schreiben, und nicht für sich selbst. Das wäre fatal. Und: „Es war der größte Fehler, dass die Journalisten aufgehört haben zu saufen“, sagt Schreier augenzwinkernd. Das habe nämlich für besondere Nähe zu den Menschen gesorgt, die Zunge gelockert. Er bedaure es, dass einige Journalisten aufgehört hätten, sich tatsächlich mit den Leuten an einen Tisch zu setzen. Ritzer hält dagegen, dass dies heute aber nicht unbedingt anders sein müsse. Das laufe auch im Bereich Social Media so: Auch sie hätte den Volontären gesagt, dass sie nicht direkt nach Veranstaltungen gehen, sondern bleiben und die Ohren spitzen sollen  – und dabei nicht unbedingt nur Apfelschorle trinken müssten.

Stoll spricht sich derweil dafür aus, Kollegen auch mal eine Geschichte machen zu lassen, die ihnen wichtig ist. Auch wenn das hochspezialisierte Artikel sind: „Die lesen dann vielleicht nur eine Handvoll Leute, aber die sind dann auch so begeistert von der Zeitung, dass sie am Ball bleiben“. (geändert am 22.5) Reckermann glaubt, dass Organisation zählt. Die Redaktion hätte sich teilweise schon „totkonferiert“.

Neue Facetten an alten Geschichten entdecken und gut neu erzählen

Wenn man eine kreative, „schräge“ Idee hat, könnte man die immer auch so realisieren dass sie alle interessiert. Viele haben das nur verlernt, sagt Reckermann. Beispiele? „Da hat jemand einfach mal ein Kaninchen hingestellt und erklärt, worauf die Preisrichter achten“. Also keine Vereinslobby, sondern ein Erklärstück, und so würden auch „klassische Themen“ wieder funktionieren. Und für einen Text zu einer Chorprobe habe die Redaktion einfach selbst mal mitgesungen. „Man darf nur nicht protokollarisch werden.“ Teilweise würde der Leser aber auch gar nicht mehr erwarten, dass da eigene Geschichten hinter stecken. „Das Foto von einer Orgel kann reichen, damit die Leserquote auf 0% fällt“. Also: Es gilt, exklusive Inhalte auch als solche zu vermarkten. Und zu erkennen, was man aus Klischees rausholen kann. „Haben Kaninchenzüchter nicht den gleichen Respekt und die gleiche Aufmerksamkeit verdient wie drei Leute, die wegen eines abgehackten Baums Randale machen?“, fragt Schreier ernst. Es gehe beim Kaninchenzüchten schließlich um Verantwortung, um Vereinsorganisation, gesellschaftliche Strukturen.

Sylvia Binner vom Bonner General-Anzeiger fast zusammen: „Erhebt euch nicht über die Leser, auch wenn es Kaninchenzüchter sind“. Stoll widerspricht, dass das nie der Fall gewesen wäre, dass eher zu viel über die „Herrschenden“ geschrieben worden wäre. Ritzer erkennt das, was Schreier schilderte, aber teilweise im Alltag wieder: „Viele Leute nehmen es als Strafe war, zu Vereinsversammlungen zu gehen.“ Sie finde es aber im Gegenteil gut, überall Leute hinschicken zu können, wo Bedarf besteht. Wo die Leute etwas zu erzählen haben. Es gebe keinen Grund zur Geringschätzung.

Alles übertrieben?

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird es weitergehen? Reckermann beschreibt die Sorge, dass die Zeitung irgendwann überflüssig sein könne, weil die junge Generation nicht mehr mit ihr sozialisiert werde. Außerdem drohe PR die Nachrichtenfunktion zu ersetzen. Schreier warnt hingegen vor Fatalismus. Ab einem gewissen Alter habe man so viel erlebt, so viel gehört – und gesehen, dass sich nur ein Bruchteil der schlimmen Prophezeiungen bewahrheite, wenn überhaupt. „Wer sagt denn, dass die große Frage mit mobilen Endgeräten und Social Media wie Facebook auf Dauer so weiterlaufen wird? Das sind echte Zeitfresser.“ Vielleicht werde es ja gerade wieder spannend, dass Zeitung begrenzt Platz bieten kann, sagt Schreier. Den Hype um Klicks könne er nicht jedenfalls nachvollziehen. Es sei so viel Geld in den letzten Jahren verbrannt worden, in Trends wie StudiVZ  oder Second Life, die sich später dann als irrelevant erwiesen haben. Er plädiert für Gelassenheit.

Und was sagt die Onlinerin der Podiumsrunde dazu? „Wir reden hier doch nicht über Zeitungen auf Papier, sondern über Journalismus“, sagt Ritzer. Wenn es Endgeräte sind, und nicht Printprodukte die zählen, habe man doch keine andere Wahl als die Dinge digital anzubieten – und das sei überhaupt kein Problem. Solange Journalismus selbst noch gefragt ist. Ihr mache eher die Vorstellung „Angst“, wenn Qualitätsjournalismus selbst in Frage gestellt wird. Es besorge sie, dass an die Redaktion manchmal der Vorwurf herangetragen würde, Unfälle etc. nicht direkt zu veröffentlichen – und kein Verständnis dafür zu haben, dass zu gutem Journalismus auch eine stichfeste Recherche gehört, die eine Weile dauern kann.

Die wichtigste Arbeit der Redaktionen

Apropos guter Journalismus: Was ist das Wichtigste, was Sie in den Redaktionen machen?

Schreier: „Gegen den Strom schwimmen. Nicht bei jedem Mainstream gleich mitmachen, einfach mal andere, eigene Storys mit eigenen Perspektiven erzählen.“

Stoll: „Wir müssen Wege finde, um Nähe zu den Lesern aufzubauen. Wir haben beispielweise Cafehausbesuche ausprobiert: die Menschen direkt eingeladen, mit uns zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Cafe in Kontakt zu treten. Das war teils gut, teils schlecht, aber es sind immer Geschichten abgefallen. Der Ansatz ist richtig.“

Was passiert in Bayreuth, um mit den Lesern Spaß zu haben?

Ritzer: „Wir haben unsere kleine facebook-Community. Was die einem um die Ohren hauen kann auch richtig weh tun, aber jede Woche entstehen so gut drei oder vier Geschichten. Wir müssen uns auch verabschieden von einem Workflow, den wir aus dem Print-Rhythmus gewohnt sind. Wir müssen uns anders strukturieren. Zettelkästen mit Telefonnummern finde ich in Zeiten wie diesen auch fragwürdig“ – ein Teilnehmer aus dem Plenum widerspricht vehement „– weil man diese Informationen kaum teilen kann. In diesem Sinne muss man die Organisation verbessern“.

Und in Schwaben?

Reckermann „ Wir haben es versucht und merken, dass wir jeden Tag etwas Neues machen können. Es ist so wichtig, dass sich die Leute bei uns wiederfinden. Ich stehe auch der Auslagerung der Vereinsberichterstattung kritisch gegenüber. Ich sage ja zur Vereinsberichterstattung. Aber nicht so, wie wir sie bislang oft erzählt haben – sondern mit Liebe.“

Sabrina Gaisbauer

Sabrina Gaisbauer ist Referentin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Kommentare (3)

  1. Kleine Ergänzung: Ich habe mich dafür ausgesprochen, Kollegen auch mal eine Geschichte machen zu lassen, die ihnen wichtig ist. Selbst wenn es dafür nur wenige Leser geben sollte, motiviert das Kollegen ungemein. Nur in diesem Sinne sind „hochspezialisierte Artikel“ zu vertreten, wie Sie schreiben.

  2. Danke für den Hinweis! Habe den Text entsprechend angepasst.

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