Recherche als Gemeingut

Fast direkt von der Grimme-Preis-Verleihung reist Investigativ-Journalist David Schraven vom gemeinnützigen Recherchebüro CORRECT!V nach Tutzing. Er erzählt im Interview, was grenzenlose Recherche ausmacht und mit welchen Methoden CORRECT!V seine Erfahrungen weitergibt.

Schraven
Eines der Leitmotive von CORRECT!V ist es, jenseits der Grenzen zu arbeiten. Sie denken nicht mehr in Medienformaten, und Ihre Recherchen hören auch nicht an den Stadt- oder Landesgrenzen auf. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Zuallererst ist es mal eine Entdeckung – man muss sich nicht wie ein Printjournalist überlegen, wann die Deadline ist oder wie viele Zeichen meine Geschichte haben darf. Bei uns werden die Geschichten fertig, wenn sie fertig sind – und danach überlegen wir uns, welches Medium oder welche Formate sich am besten dafür eignen. Das kann von Radio über Dokumentarfilm bis hin zu einem Theaterstück gehen. Und im räumlichen Bereich ist das Auflösen von Grenzen auch wichtig, weil deine Recherche nicht mehr im nächsten Dorf aufhört.

Sie haben heute gesagt, dass CORRECT!V multilokal arbeitet – etwas, das es vorher nicht gegeben hat.

Ja, nehmen wir mal den Ausbau einer Straße: Wir schauen uns nicht den Ausbau an einem bestimmten Ort an, sondern fragen uns: Wie wird die Straße gebaut? Wer ist davon betroffen? Für wen ist die Straße relevant? Das können am Ende – je nach Länge der Straße – viele Kommunen sein. Und dann geht’s nicht mehr nur um eine Straße, sondern um ein Straßennetz. Unser redaktioneller Kern ist also die multilokale Arbeit, die Verwertung aber, die ist lokal. Wir sind beispielsweise gerade an der Sparkasse dran und haben ein Tool gebaut, wie Kollegen vor Ort auch mitmachen können.

Klingt kompliziert.

Wir haben schon gemerkt, dass das nicht so einfach ist. Das erste Problem ist, dass es bei vielen stadtübergreifende Themen und auch für viele Städte schwierig ist, überhaupt an Daten zu kommen und das aufzubereiten. Das Zweite ist, dass du etwas schaffst, was lokale Kollegen einfach übernehmen können – ohne großen Aufwand. Das heißt, sie müssen verstehen, worum es geht, sie müssen die Geschichte leicht für ihr jeweiliges Medium mit dem Tool aufbereiten können. Und man muss optische Lösungen haben, die eine Geschichte in verschiedenen Medien übertragbar macht .

Ein Beispiel ist Ihr Tool zu den Spendengerichten. Wie kam das an?

Sehr gut. Ich weiß von rund 70 bis 80 Berichten, die daraufhin entstanden sind. Viele Lokalzeitungen, viele Blogs sind darauf angesprungen, und auch in den sozialen Medien läuft das gut.

Und hatten Ihre Recherchen schon Konsequenzen?

Klar, nach der Geschichte über multiresistente Keime, die wir in Kooperation mit einigen großen Partnern gemacht haben, werden jetzt Gesetze verändert. Das ist eine Geschichte, die wird Menschenleben retten – weil zum Beispiel Hygienemaßnahmen in Krankenhäusern verbessert worden sind. Merkel hat das sogar auf dem G7-Gipfel angesprochen. Wir werden als nächstes europaweit eine Kooperation anstoßen. Das ist auch eine Erfahrung, die wir gemacht haben: Kooperationen funktionieren selten abstrakt, sondern immer konkret bei einem Thema.

Wie sieht denn konkret die Arbeit von CORRECT!V aus?

Wir haben einmal unser Herz, das ist die Recherche, und aus der Recherche kommt ein weiterer Bereich, das ist die Bildung, denn wir wollen nicht nur die Informationen weitergeben, sondern die Methoden. Der Methodenbereich wird aufgeteilt in drei große Bereiche: Informationen zu beschaffen, selbst reden, schreiben und wirken zu können und drittens das Publizieren – also jenen eine Stimme zu geben, die keine haben – beispielsweise Leuten in einem Altersheim.

Derzeit fahren Sie quer durch Deutschland und halten Workshops zum Auskunftsrecht. Wie läuft das genau ab?

Wir veranstalten die Workshops mit verschiedenen Lokalredaktionen und Bürgern. Es hat sich aber herausgestellt, dass einige Redaktionen – vor allem kleinere – eine Scheu haben, vor den Lesern nachzufragen, weshalb wir oft zuerst Inhouse-Workshops machen und im Anschluss daran Workshops gemeinsam mit den Redaktionen und den Bürgern. Die Kombi war ein Trick, auch an kleine Redaktionen heranzukommen, und da wollen wir ja auch hin.

Wer kommt da?

Es sind vor allem ältere Leute, die das interessiert, Leute über 50. Die nehmen ihre Bürgerrechte richtig ernst und gehen zu den Workshops schön angezogen wie zu einer Abendveranstaltung. Wir hatten zwar einmal einen Workshop für Studenten, der kam auch gut an, aber im allgemeinen ist die Nachfrage bei den Jungen nicht so hoch. Ich habe das Gefühl, das liegt daran, dass ältere Menschen sich ernsthafter als Bürger engagieren, und das ist auch ok.

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