Themen statt Termine: Die Zeitungen müssen sich umorientieren

Dr. Carlo Imboden

Dr. Carlo Imboden

Die Zeitungen schreiben am Leser vorbei – das zumindest behauptete der Schweizer Medienberater Dr. Carlo Imboden im Rahmen des Lesergipfels „Knapp daneben ist auch vorbei – Schreibt endlich, was uns interessiert“. Mit ihm diskutierten Armin Maus (Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung) und Holger Niehoff (Mitglied des Leserbeirats der Neuen Osnabrücker Zeitung). Moderiert wurde das Gespräch von Dr. Jost Lübben, Chefredakteur der Nordsee-Zeitung.

Der Schweizer Medienberater Dr.Carlo Imboden entwickelte das Readerscan-Verfahren, mit dem das Leseverhalten der Zeitungsleser gemessen wird. In den letzten 8 Jahren habe er eine dramatische Entwicklung beobachtet. Lange Zeit wurde der Mantel häufiger gelesen als der Lokalteil, jetzt aber kehre sich das um – das Lokale liege vorn. Dennoch, so Imboden, träfen die Zeitungen nicht die Interessen der Leser, man schreibe weit am Leser vorbei.

Imboden macht hierfür den vorherrschenden Terminjournalismus verantwortlich. Die Pressure groups, also örtliche Vereine, Parteien und Funktionäre, würden Druck auf die Presse ausüben und damit bestimmen, was später in der Zeitung steht. Dem stellt Imboden die Beobachtung gegenüber, dass genau jene Informationen, die eben nicht termingebunden sind, von den Lesern „aufgesogen werden wie ein Schwamm“.

Als positive Gegenbeispiele führt Imboden die Schweiz und Österreich auf – etwa das Sorgenbarometer der Schweizer, das von einer Schweizer Bank durchgeführt wird; oder der Journalismus in Österreich, der häufig direkt an den Sorgen der Bevölkerung ansetzt.

Ganz klar sieht Imboden die Aufgaben des Lokaljournalisten: 1.Ein Thema zu setzen und dann 2. einen lokalen Aufhänger dafür zu finden. Die Presse müsse die Themen selbst bestimmen und dürfe sich nicht von genannten Gruppen drängen lassen. „Themen statt Termine“ – so Imbodens Credo. Von einem ist Imboden überzeugt: Es bestehe ein Bedürfnis nach vertiefenden Informationen hinter den news; ein Bedürfnis, gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkennen. Imboden gibt den Zeitungen 5 Jahre Zeit, dieses Bedürfnis zu erfüllen, sonst würde jemand anderes die Lücke füllen.

Die Gesellschaft verfalle in verschiedene Interessensgruppen. Um die Interessen dennoch adäquat bedienen zu können, schlägt Imboden eine Kombination aus Print und Online vor: Massentaugliche Informationen und News stehen in der gedruckten Zeitung, spezielle Interessen und vertiefende Informationen im Online-Portal.

Kommentare (3)

  1. An der These Imbodens ist schon etwas dran. In den Lokalzeitungen steht einfach zu viel über Vereine und Selbsthilfegruppen. Das sollte auch nicht übergangen werden, allerdings in einem vernünftigen Maß. Und dann die Schulen und Kindergärten. Darüber wird berichtet, wenn nur ein Bleistift zu Boden fällt, dreivieltelseitig mit möglichst vielen Bildern. Straßeneinweihungen mit den obligatorischen Wichtigtuern auf dme Bild sind eigentlich überhaupt keine Nachricht. Es täte auch eine Meldung bezüglich der Freigabe der Straße. Es gibt in vielen Lokalzeitungen viele bedruckte Seiten mit allerdings wenig Information.

  2. Zeitung ist eben nicht gleich Zeitung. Ich hätte den Vertreter des Leserbeirates der Neuen Osnabrücker Zeitung umarmen können, der den Lokalsport gelobt hat. Dort ist die Zeitung – zumindest unsere – dicht bei den Lesern. Bürgerreporter braucht dieses Ressort nicht, denn wir sind dort, wo die Leser sind. Bei den Alten und den Jungen, den Breiten- und Leistungssportlern. Und hin und wieder gelingt es auch, eine Geschichte oder eine Serie ins Blatt zu heben, die Themen neu aufgreift oder vertieft.

  3. Pingback: Zürcher Presseverein » Echter Lokaljournalismus ist gefragt

Kommentare sind geschlossen.

  • © Copyright 2016 drehscheibe. Alle Rechte vorbehalten.
Top