Verwischte Spuren und blinde Flecke

Albrecht Ude, der Herr mit dem Sicherheitstrakt in der Laptoptasche, eröffnet mit seinem Vortrag zum Thema „Internetrecherche und sicheres Surfen“ den zweiten Tag der Redaktionskonferenz „Wir machen uns fit. Recherche Rechtsextremismus vor Ort“. Konkret spricht der Recherchetrainer, der sich auch beim netzwerk recherche (nr) engagiert, von der Bedeutsamkeit, die eigenen Spuren im Netz zu kontrollieren, erklärt wie sichere Kommunikation funktioniert und wie man Informationen verifiziert.

There’s an alternative to google…

Recherchetrainer Albrecht Ude hatte wertvolle Tipps für eine sichere Internet-Recherche im Gepäck.

Recherchetrainer Albrecht Ude hatte wertvolle Tipps für eine sichere Internet-Recherche im Gepäck.

Google versucht ja bekanntlich nicht nur, das zu liefern, was wir finden wollen, sondern auch unsere Daten zu sammeln. Ude rät daher zu alternativen Suchmaschinen, die ein anonymes Surfen möglich machen, wie die Metasuchmaschine startpage.com, die 20-30 Suchmaschinen nach dem eingegebenen Suchbegriff abfragt und dabei verschleiert, wer diesen Suchbegriff eingegeben hat. „Sie müssen im Netz ihre Spuren kontrollieren“, sagt Ude „und sich bewusst machen, für welche Recherche kann ich welche Spuren hinterlassen“. Der Rechercheprofi rät Redaktionen einen „spurenarmen Rechner“ für sensible Recherchen und darüber hinaus einen elektronischen Briefkasten für verschlüsselte E-Mails einzurichten.

Eine gute Alternative, sich besonders spurenlos durchs Netz zu bewegen, sei das Internetcafé nebenan oder das Anonymisierungsnetzwerk Tor, das die IP-Adresse versteckt: „Die NSA hasst Tor – aus dem simplen Grund, weil es funktioniert“. Zwei Tools sollten laut Ude alle Journalisten in ihrem Portfolio haben: PrivacyDongle und Tails  – Privatisierungstechniken, die man überall hin mitnehmen kann.

Kommunen müssen sich bei dem Thema Rechtsextremismus einbringen

Von einem sehr technischen Einblick gelangt man an diesem Vormittag im ifp zur sehr konkreten Welt der zweiten Referentin: Dr. Miriam Heigl, Leiterin der Münchener Fachstelle gegen Rechtsextremismus, die direkt dem Oberbürgermeister unterstellt ist und kommunale Strategien gegen Rechtsextremismus erarbeitet. Die Fachstelle wurde von OB Christian Ude 2008 geschaffen, nachdem erstmals ein Neonazi in den Münchener Stadtrat einzog. „Bei solchen Stellen ist es immer ganz wichtig zu schauen, ob es eine politische Andockstelle an Entscheidungsträger gibt“, sagt Heigl, zu deren Aufgabe die Aufklärung über Rechtsextremismus gehört. Die Fachstelle gibt Studien zur Thematik in Auftrag, arbeitet eng mit Zivilgesellschaften, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren und bietet für jene unter anderem auch Rechtsschutzmöglichkeiten an.

Miriam Heigl leitet die Münchener Fachstelle gegen Rechtsextremismus.

Miriam Heigl leitet die Münchener Fachstelle gegen Rechtsextremismus.

Wie weit darf eine Fachstelle der Kommune in ihrem Tätigkeitsfeld gehen und wo liegen die Grenzen? Diese Grenzen lotet Heigl, wie sie sagt, immer wieder aus. Darf man beispielsweise Wirte darauf aufmerksam machen, dass eine größere Anzahl von Neonazis die Kneipe besuchen wird? Ja, man darf, entschied die Regierung von Oberbayern 2011. Oder ist es problematisch, weil nicht neutral, wenn man Aufklärungsflyer zum Thema Bau eines islamischen Zentrums austeilt? – Ein Thema, mit dem die islamfeindliche Partei „Die Freiheit“ im Frühjahr Wahlkampf machte. „Hier warten wir noch auf eine Entscheidung“, sagt Heigl. Aber wenn es nach Heigl geht, dann sollten Kommunen durchaus eine aktive Kommunikationspolitik betreiben. „Wir haben in München einen Paradigmenwechsel hingelegt, aber natürlich ist nicht alles super – Stichwort Erinnerungskultur: Oktoberfestattentat-Aufarbeitung.“

Das Attentat und die Verdrängung des Rechtsterrors

Um dieses Thema geht es nach fünf intensiven Stunden in den Arbeitsgruppen am Abend. Der BR-Journalist Ulrich Chaussy ist zu Gast, gezeigt wird der Spielfilm „Der blinde Fleck“ mit Benno Fürmann in der Hauptrolle, der den Journalisten Chaussy verkörpert.

Ulrich Chaussy. Sein Buch "Oktoberfest - ein Attentat" ist 2014 in erweiterter Neuauflage erschienen.

Ulrich Chaussy. Sein Buch „Oktoberfest – ein Attentat“ ist 2014 in erweiterter Neuauflage erschienen.

Rund 30 Jahre hat Chaussy versucht, die Ungereimtheiten bei der Aufklärung des Anschlags auf das Münchener Oktoberfest aufzudecken, bei dem 1980 13 Menschen starben und mehr als 200 verletzt wurden. Die Behörden gingen jahrelang von der Einzeltäterthese aus. Chaussy hat diese Version immer bezweifelt: „Bis heute sitzt das Einzeltäterdenken tief – vor allem wenn es um rechtsextremistische Gewalt geht.“ Für Chaussy ist das Attentat immer noch nicht aufgeklärt „und das wird mir wahrscheinlich auch nicht mehr gelingen“, sagt Chaussy. „Aber warum es nie aufgeklärt wurde, das glaube ich, herausgefunden zu haben“ , der BR-Journalist spielt damit auf das Verhalten und die Arbeit der Behörden an, womit sich in dem Gespräch der Kreis zu den Ermittlungsfehlern im Heute – Stichwort: NSU – schließt.

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