Werkstattbericht: Es geht um mehr als bloß den Krümmungsgrad der Gurke

Wir müssen über das Rollenverständnis der Journalisten bei der Europawahl reden. Cai Rienäcker, stellvertretender Chefredakteur des SWR war bis zum Frühjahr Leiter der Hörfunkstudios für SWR, BR und MDR in Brüssel und davor selbst Korrespondent im ARD-Studio in Straßburg. Er schilderte bei der bpb-Redaktionskonferenz „Europa lokal“ ein typisches Phänomen: Vor den Wahlen tauchen die Politiker plötzlich im Pulk auf und flehen die Journalisten an, die Medien müssten die Wahlbeteiligung erhöhen.

Doch Rienäcker versteht sich nicht als Missionar oder gar als die PR-Abteilung für die EU. „Unsere Rolle als Journalisten liegt irgendwo dazwischen. Wir zeigen kritisch was da passiert.“

Das Personalisieren durch Portaits der Europaabgeordneten des Heimatwahlkreises und auch der Spitzenkandidaten für den Posten des EU-Kommissionspräsidenten funktioniert gut, erklärte Rienäcker und nannte den Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit und Jean-Claude Juncker, der nach seinem Machtverlust als Premierminister Luxemburgs nun in Brüssel auf Jobsuche ist, als markante Köpfe.

Ein dankbares Thema, um Europa zu erklären, ist der Verbraucherschutz. Es gibt das Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz, das Bürgern in ganz Europa mit Rat und Tat zur Seite steht, wenn es ein Problem mit grenzüberschreitenden Dienstleistungen, der Gesundheitsversorgung und einem Verkauf gibt.

Sobald ein Thema einen konkreten Nutzwert für die Hörer und Leser hat, wird es auch eher angehört oder gelesen – zum Beispiel die Roaminggebühren für Mobiltelefone auf Auslandsreisen in der EU.

„Europa ist eben nicht bloß die Diskussion um den Krümmungsgrad der Gurke“, sagte Rienäcker. Redaktionen sind eher bereit einen Beitrag ins Programm oder die Blattplanung aufzunehmen, wenn der Autor es ihnen mit einem spannenden Aspekt schmackhaft macht, wie: „Dieses Mal geht es bei der Europawahl um die Wurst.“

 

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