Wo geht’s hin Mediensystem?

Dr. André Haller vom Institut für Kommunikationswissenschaft Bamberg ist in seinem Vortrag der Frage nachgegangen, warum und inwiefern sich die LeserInnen zu extremen Positionen hingezogen fühlen oder selbst extreme Positionen vertreten. Und er brachte sechs Thesen mit, die Diskussionsstoff liefern.

Haller weist zunächst auf eine Interview-Studie aus Schweden hin, in der die ProduzentInnen von „Alternativmedien“ untersucht wurden. „Unabhängig von der politischen Einstellung – es war das gesamte politische Spektrum vertreten – haben die Befragten angegeben, dass sie sich von den klassischen Medien nicht repräsentiert fühlen“, erklärt Haller.

Das Internet führte zur Entstehung neuer Diskursräume, auch und gerade für extreme politische Orientierungen (Bernsand, 2013)

In einem nächsten Schritt macht Haller deutlich, dass es natürlich Effekte habe, wenn sich Menschen „Alternativmedien“ zuwenden.

Mögliche Ausprägungen sind:

Selektive Auswahl: Informationen, die mit eigenen Einstellungen konsistent sind, werden bevorzugt

Selektive Interpretation: Inkonsistente Informationen werden umgedeutet

Selektive Erinnerung: Aussagen, die kognitives Ungleichgewicht herstellen, werden weniger im Gedächtnis behalten

Es stellt sich also die Frage, ob von einem Zerfall der gemeinsamen Öffentlichkeit gesprochen werden kann. Laut Haller sei in jedem Fall festzustellen, dass Gegenöffentlichkeiten antreten, um die Gatekeeping-Mechanismen zu überwinden. Aus dem Plenum kommt in diesem Zusammenhang die Frage auf, inwiefern Social Bots die Meinungsbildung beeinflussen. Laut Haller hätten Social Bots nicht unbedingt Einfluss darauf, wohl aber auf die Agenda: „Das Thema bei Twitter ist dann vielleicht nicht unbedingt ein Thema, was die Menschen wirklich umtreibt.“

Im Anschluss an seinen Vortrag präsentierte Dr. André Haller sechs Thesen zur Entwicklung des Mediensystems, die im Plenum intensiv diskutiert wurden. Vielleicht bieten Sie auch Ihnen Anlass zur Diskussion

  1. Das Aufkommen reichweitenstarker Alternativmedien werden wir erleben
  2. Die Etablierung populistischer Medienformate basiert auf klaren Rezipientenerwartungen
  3. Big Data-Technologien verstärken den Aufstieg populistischer Alternativmedien
  4. Etablierte Medien werden vermehrt unangenehme Themen aufgreifen (müssen); zum Beispiel Migrationsthemen
  5. Analog zum Vorwurf eines „medial-politischen“ Komplexes des Mainstreams gegen „das Volk“ wird ein Gegenentwurf präsentiert
  6. Auf der Makro-Ebene wird der öffentliche Diskurs weiter verschärft, da Alternativmedien auf größtmögliche Konfrontation setzen

Ann-Kristin Schöne

Ann-Kristin Schöne ist Volontärin bei der Bundeszentrale für politische Bildung, Jugendmagazin fluter und Lokaljournalistenprogramm.

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