Input: Bewährte Ideen aus den Redaktionen

Stefan Wirner erklärt wie Cockpit funktioniert
Hunderte Vollredaktionen, noch viel mehr Lokalredaktionen, mehrere Millionen Gesamtauflage: Wir haben in Deutschland eine breite Lokaljournalismuskultur. Genauso zahlreich wie die Redaktionen scheinen zuweilen auch ihre Konzepte für die Zukunft zu sein. Einer kennt sie alle. Oder zumindest viele: Stefan Wirner, Redaktionsleiter der drehscheibe. Er stellt im Input „Innovative Ansätze und Trends im Lokaljournalismus“ eben solche vor.

Das erste Tool ist Cockpit. Es wurde mit einem Media Consulting Team erarbeitet und wird im Medienhaus Lensing unter anderem von den Ruhr Nachrichten benutzt. Wir haben Cockpit bereits grob auf dem Blog vorgestellt, in seiner Präsentation (hier die Folien: Cockpit Evaluationstool ) geht Wirner aber noch mehr ins Detail: Cockpit bewertet in Stichproben. Handwerkliche Aspekte – sind alle W-Fragen beantwortet, die Quelle benannt – aber auch Aspekte wie Relevanz, Aktualität und Vermittlung werden berücksichtigt. Diese Hauptkriterien sind wiederum aufgeschlüsselt in weitere Punkte wie „Ist die Sprache einfach?“ und „Ist die Menge angemessen“. Am Ende werden diese Punkte, die durch Ja/Nein-Fragen generiert werden, summiert und fallen damit entweder in den grünen, gelben oder roten Cockpit-Bereich.

Ein Problem des Tools sei, so zitiert Wirner Ruhr Nachrichten Chefredakteur Wolfram Kiwit, dass man damit nicht überprüfen kann, ob die richtige Zeitung für das richtige Publikum gemacht wird. Eine Zeitung für Münster würde in Dortmund genauso viele Punkte bekommen, obwohl sie dort inhaltlich völlig fehlplatziert ist. „Auch den Stil, die Schreibe kann man damit nicht wirklich bewerten“, sagt Wirner. Eine Teilnehmerin, die ebenfalls wie die Ruhr Nachrichten aus dem Medienhaus Lensing kommt, erzählt, wie sie Cockpit im Arbeitsalltag wahrnimmt: Gut sei, dass die Redakteure für ihr handwerkliches Können sensibilisiert werden. Andererseits wäre aber die Punktvergabe bei Cockpit nicht immer nachvollziehbar. Leute von außerhalb codieren nämlich und werten die Artikel aus, Menschen, die nicht im Ort wohnen und das Blatt nicht regelmäßig lesen. „Dann bekommen wir zum Beispiel niedrige Punkte für Relevanz, weil wir das Thema nicht noch mal ausführlich eingeordnet hätten – dabei hatten wir es schon über mehrere Wochen im Blatt und es ist für unsere Leser enorm wichtig.“ Die Diskussion rollt an: „Gibt es nicht ein Raster, mit dem man in einer Dreiviertelstunde durch ist, und das man einen Monat rotieren lassen kann? Man könnte auch die Leser einbeziehen und eigene Kriterien entwickeln“, schlägt Sylvia Binner vom Bonner General-Anzeiger vor. Die Auswertung gut in den Alltag integrieren zu können, ohne dass Einzelne durch die Ergebnisse unter Druck gesetzt werden, scheint auch für die anderen Teilnehmer wichtig zu sein.

„Wir von der drehscheibe finden die Richtung des Tools gut; nämlich, in Zeiten des Wandels mehr auf Qualität zu schauen. Das Entscheidende ist, zu versuchen, möglichst objektive Kriterien aufzustellen“, sagt Wirner.

Und kommt zum nächsten Punkt: Programme für neue Erzählformen. Wirner stellt das ScribbleLive vor, mit dem Inhalte verschiedener Kanäle in einem Ticker zusammengestellt werden und bequem eingebunden werden können. Großflächige Fotos, Videos, Posts, Tweets. Man könnte auch mehrere Blogs zusammen laufen lassen, so wie der Nordbayerische Kurier mit anderen Zeitungen zur Kommunalwahl: Die Redaktion hatte Reporter in Rathäuser geschickt, in denen mit einer knappen Entscheidung zu rechnen war. „So ähnlich machten es auch die Augsburger und die Regensburger“. Alles floss dann in einem syndizierten Blog-Ticker zusammen. Storify sei ein vergleichbares Tool, und ist im Gegensatz zu ScribbleLive kostenlos.

Tolle Crossmediale Erzählungen können auch von Lokalzeitungen erfolgreich umgesetzt werden: Zum Beispiel die Arabellion-Serie der Rhein-Zeitung zu den Aufständen im arabischen Raum. Vorbild sei die Snow Fall Reportage der New York Times gewesen. Zuletzt seien auch Drohnenbilder eine spannende Option für Lokalzeitungen. „Das sind wahnsinnig gute Bilder, und der Leser kann sich damit eine Meinung von oben bilden“, sagt Wirner. Es kostet zwar etwas, und man brauche dafür auch eine Genehmigung, aber es kann sich unter Umständen lohnen darüber nachzudenken. Zuletzt präsentierte Wirner Perspektiven auf die Europawahl. Das schönste Beispiel brachte für ihn die Zeitung Publico aus Portugal. Das Blatt habe vor der Wahl zwei Leute durch ganz Europa geschickt. Ein Blog mit einer interaktiven Karten, vielen Fotos und Videos dokumentiert die Reise. Publico ist kein Riese unter den Lokalzeitungen, sie hat eine Auflage von rund 30.000 Exemplaren.

Guten Journalismus findet man überall.

 

 

 

Sabrina Gaisbauer

Sabrina Gaisbauer ist Referentin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

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