Kennt Inklusion Grenzen?

„Inklusion bedeutet, dass alle von Anfang an die Chance bekommen, in der Gesellschaft mitzuwirken“, sagt Bloggerin und Inklusionsaktivisitin Julia Probst, die für die Piratenpartei antrat und deren Engagement schon Angela Merkel davon überzeugte, beim Tag der offenen Tür im Bundeskanzleramt Gebärdensprachdolmetscher zu engagieren. „Inklusion für alle bedeutet, dass manche allein auf der Strecke bleiben“, sagt hingegen Martin Tschepe, Redakteur von der Stuttgarter Zeitung mit Betreuungs- und „Inklusions-Reportageerfahrung“. Gemeinsam diskutieren sie darüber wie die Öffentlichkeit mit behinderten Menschen umgeht und wie Inklusion funktionieren kann.

Probst macht sich für einen selbstbestimmten Ansatz stark, für eine freie Wahl, beispielweise der Schule. Sie habe immer wieder erlebt, dass Kinder, die keine schwere Beeinträchtigung haben, unhinterfragt an Sonderschulen verwiesen werden. „Ich war auch an der normalen Schule, ich hatte keine Dolmetscher, da ich ja keine Gebärdensprache konnte. Ich musste von den Lippen ablesen, doch das war ein gutes Training für mich“, sagt Probst. „Wenn ich nicht auf eine Regelschule gegangen wäre, wäre ich heute nicht so stark“. Gleichzeitig sollten aber jene, die diesen Weg nicht gehen, nicht benachteiligt werden. In den USA gibt es beispielweise Gehörlosen-Universitäten mit Vorlesungen in Gebärdensprache. Deutschland befindet sich diesbezüglich, bis auf wenige Ausnahmen, noch im Rückstand. Probst erzählte auch von einem Fall, wo Eltern mit der Entziehung des Sorgerechts gedroht wurde, weil diese für die Schule einen Gebärdensprachdolmetscher für das Kind gefordert hatten. In ihren Augen gibt es ein massives Strukturproblem und Überforderung an öffentlichen Einrichtungen, die verhindert, dass Inklusion überall gelingen kann. Häufig würden diejenigen, um die es geht, aber auch nicht richtig ernst genommen. Ihr selbst seien einige Male von Journalisten einfache, „primitive“ Fragen gestellt wurden. Der ein oder andere habe sie auch „taubstumm“ genannt – für sie ein absolutes No-go, da sie schließlich spreche. Daher bevorzugt sie „gehörlos“. Ihr ist wichtig, dass die Menschen, die sich für Menschen mit Behinderungen einsetzen, auch aus ihrer eigenen Erfahrung schöpfen können. „Bei der Aktion Mensch sind auch Nicht-Behinderte dabei, und ich frage mich dann, wie sie diese Perspektive einnehmen konnen“, sagt Probst.

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Auch Journalisten schreiben meist über Themen, in die sie sich vielmehr reinrecherchieren statt selbst betroffen zu sein. Manchmal auch beides. Martin Tschepe von der Stuttgarter Zeitung, der eine ältere Frau mit geistigen Behinderungen betreut und über die Erfahrung geschrieben hat, vertritt eine Position, die man nicht so häufig liest: Wenn man Inklusion für alle umsetzt, würden dabei viele „schwere Fälle“ auf der Strecke bleiben. Eine Provokation, die sich auf den ersten Blick überhaupt nicht mit der Position von Strobst verträgt. „Inklusion ist eine Illusion für diese Frau“, sagt Tschepe über die Betreute. Er denkt, dass sie in einer eigenen Wohnung vereinsamen würden. Mit der Idee der gelungenen Inklusion für alle „wird mal wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben“. Es gebe Menschen, die autoaggressiv sind, die mit niemandem zusammenleben wollen und können, und solchen Menschen würde man eben nicht gerecht, wenn sie fortan alleine in einer eigenen Wohnung oder in der Regelklasse lebten und lernten, kaum betreuut  — mit ähnlich viel oder wenig Unterstützung wie alle anderen auch. „Es sollte auch ein Recht auf Exklusion geben“, ist seine These.

Probst plädiert hingegen für Mehrgenerationenhäuser. „Ich denke immer positiv und gehe davon aus, dass es Möglichkeiten gibt, man muss es nur probieren und nicht von vorneherein Nein sagen“, sagt sie. Dass Menschen einen Schonraum und einen Rückzugsort brauchen, sei natürlich und nicht von Behinderungen abhängig.

Aus dem Publikum tönten Stimmen, die Differenzierung fordern: „Inklusion bedeutet nicht, dass alle Menschen mit Behinderung die gleichen Bedürfnisse haben“. Und darüber sind sich wieder alle einig. So unterschiedlich sind die Positionen am Ende also doch nicht: Probst unterstreicht die Selbstbestimmung und Chancengleichheit. Tschepe auch, nur fordert er, die Möglichkeit, sich gegen das Zusammenleben im Fluss zu entscheiden, konsequenter in den Blick zu nehmen . Am Ende ist es eine Frage der Betonung.

Praktisches für den Redaktionsalltag bietet die obligatorische Schlussfrage: Was würdet ihr anders machen?
Probst wurde nach der gesetzlichen Ebene gefragt. Mehr Souveränität im Klagerecht und Wahlrecht. Hier sollte man nettgemeinte, aber wirkungslose freiwillige Optionen in Richtlinien am besten gleich lassen, denn die setze eh keiner um. Nettgemeinte fails entdeckte sie auch im Journalismus: Etwa Selbstversuche, in denen Journalisten für einen oder zwei Tage in die Rolle einer blinden oder gehörlosen Person schlüpfen. Probst betonte, dass dies nicht ansatzweise reichen würde, um die Diskriminierung im Alltag voll und ganz erleben und nachvollziehen zu können. Gute Ansatzpunkte zum Nachfragen, was Barrierefreiheit angeht, seien aber schon mal Bahnfahren, ÖPNV, Schwimmbad. Und was würde Tschepe machen? Die Reporter in die Heime schicken, in denen Menschen mit ganz schweren Behinderungen leben, diejenigen, „die man uns sonst nicht zeigen will“. Mit den Vorurteilen über gute Autisten und schlechte Autisten aufräumen. Und sich das Thema Inklusion in der Schule wirklich von allen Seiten ganz genau anschauen.

 

Sabrina Gaisbauer

Sabrina Gaisbauer ist Referentin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

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