Autor: Stefan Wirner

The Spirit of Modellseminar

Der Donnerstagvormittag gehört ganz den AGs. In den Arbeitsräumen wird allerhand diskutiert und ausprobiert. Die einen sprechen über Nachhaltigkeit und wie der sperrige Begriff dem Leser zu vermitteln ist. Ist das Ganze zu online-lastig, haben wir Print venachlässigt? Die anderen spielen Aktionen im öffentlichen Raum durch (Plünderungen sind nicht vorgesehen, wird zugesichert), die nächste Gruppe feilt bereits an ihrer (Bühnen-) Präsentation für den Abschluss am Freitag. Und wer tummelt sich draußen am Steg in der frischen Brandenburger Brise? Hier wird schon das Abschlussfoto in der kühlen Herbstsonne geschossen. Die Stimmung ist gut, und die meisten haben bereits Ideen im Gepäck, die sie dann in ihren Redaktionen auspacken werden. So soll es sein – the Spirit of Modellseminar.

Ran an die Leser!

Der Mittwochnachmittag der Seminarwoche in Potsdam stand ganz im Zeichen von Best Practice und der Frage: Wie kommen wir an die Leser ran? Einige Stichworte aus den Vorträgen. Jutta Pöschko-Kopp, Redaktionsleiterin der Waiblinger Kreiszeitung, stellte den „Relevanzprozess“ in ihrem Verlag vor. Stichwort: Weg vom Terminjournalismus, hin zu aktiver, selbstbestimmter Themenplanung. Grundlage für die Neuorientierung: Die Leser der Waiblinger Kreiszeitung sind im Schnitt 63 Jahre alt. Die Ausgangsfrage: Wie gewinnt man jüngere Leser? Erkenntnis zu Beginn: Die Leser haben im Allgemeinen wenig Zeit, sich mit Artikeln zu befassen. Was wollen die Leser wissen? Ganz praktische Sachen: Was tut sich in der Stadt? Wo staut sich der Verkehr? Was wird aus dieser oder jener Baustelle? Die Schlussfolgerung: Weg vom Storytelling, hin zu den Baustellen! Zum Relevanz-Begriff: Am Anfang stand für die Waiblinger die Analyse der Menschen der Region: Was brauchen sie? Bei den Themen zählt: Relevanz (was ist wichtig), Orientierung (Warum?) und Nutzwert (Was bringt es mir?) -Waiblingen ist eine Pendlerregion. Es gibt jeden Tag verstopfte Straßen. Ein Beispiel, wie die Redaktion darauf eingeht: die Serie „Pendlerlust, …

Wie tickt Deutschland?

Diese Frage stand im Mittelpunkt des Montagabends. Stephan Grünewald vom Kölner Rheingold Institut warf einen tiefenpsychologischen Blick auf die Verfasstheit der Deutschen. Rund 20.000 Tiefeninterviews hat das  Rheingold-Institut geführt. Daraus erstellt es eine Art Psychogramm der Nation. Die neuesten Erkenntnisse hat Stephan Grünewald, Psychoanalytiker und Gründer des Instituts, der „Psychologe der Nation“, wie die FAZ ihn nennt, in dem Buch „Wie tickt Deutschland“ zusammengefasst. Auf dem Modellseminar stellte er seine zentralen Thesen vor. Die Thesen -Wir leben in einer „aufgewühlten Gesellschaft“. -Die Deutschen beteuern, Deutschland sei eines der letzten Paradiese. Sie pflegen eine „Auenland-Glückseligkeit“. Das „Grauenland“ indes sei all das, was unseren zeitlichen und räumliche Horizont überschreite: Krisen, Terrorgefahr, Flüchtlinge, Digitalisierung, Globalisierung, Trump, Erdogan etc.. Das „Grauenland“ breche immer wieder ins „Auenland“ ein. -Angela Merkel war (bis zur Flüchtlingskrise) die Wächterin des „Auenlands“. Ihre Raute symbolisierte den Schutz des „Auenlands“. Durch die Flüchtlingskrise ging diese Vorstellung eines geschützten Raumes verloren. -Wie können wir die Umbruchzeit als „Trauenland“ erleben? Was blockiert uns? 1.Mutlosigkeit, resultierend aus der Auenland-Seligkeit. („Jemand ohne Leidensdruck macht keine Therapie.“) Phänomen der verunsicherten …

Regeln für den Faktencheck

Die erste Veranstaltung des Tages: Stefan Voß, Leiter Verifikation der dpa, sprach darüber, was bei einem Faktencheck zu beachten ist. Barbara Zinecker (Nürnberger Nachrichten) moderierte. Gibt es ein Journalistenleben ohne Social Media? „Nein“, sagt man bei der dpa. Man müsse alles im Blick haben, „verifizieren und einordnen“, sagt Stefan Voß, Leiter Verifikation bei der dpa. Wie aber umgehen mit Inhalten aus Netzwerken wie Facebook, Twitter und Co.? Zunächst gehe es darum, relevante Inhalte überhaupt zu finden, anschließend müssten sie geprüft werden. Die dpa versteht den Faktencheck „als Dienst an der Demokratie“. Was sind die Kriterien der dpa für Faktenchecks? -dpa-Faktenchecks sind Behauptungschecks: Stimmt das? Hat er/ sie das gesagt? -Checks werden nur gemacht bei gesellschaftlicher Relevanz. -Es geht nur um Tatsachenbehauptungen, nicht um Meinungsäußerungen. -Die Sprache des Faktenchecks ist einfach, die Herleitung klar, damit der Leser sie nachvollziehen kann. -Wichtig ist zu untersuchen: Wie hat der Verfasser die zu prüfende Behauptung gemeint? Wie wurde sie vom Publikum verstanden? -Der Faktencheck ist gegliedert: Behauptung, Bewertung, Fakten -Hinweis: Vorsicht bei Satire!