Crowdspondent – Schickt uns weg!

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Crowdspondent-Gründungsmitglied Lisa Altmaier

Crowdspondent mischt momentan den Online-Journalismus gehörig auf. Die Gründerinnen Lisa Altmaier und Steffi Fetz haben sich eine dreimonatige Recherchereise durch Deutschland allein mittels Crowdfunding über die Plattform Start Next finanzieren lassen. Innerhalb von vier Wochen nahmen die zwei jungen Journalistinnen mehr als 5.000€ ein, also 1.000€ mehr als geplant.

Altmaier hat extra für das Seminar „Challence Accepted“ den weiten Weg aus München auf sich genommen, um die Seminarteilnehmer an ihrer Expertise teilhaben zu lassen. Expertise, die Fetz und Altmaier bei ihren Anfängen vermisst haben. Die Realisierung des Projektes lässt sich in acht Schritte einteilen, die nun auch anderen (hyper-) lokalen Journalisten und Journalistinnen einiges an Inspiration liefern kann.

Die Finanzierung:

„Crowdfunding ist eine einzige große Geschichte.“ Und das passt natürlich super zum Journalismus, so Altmaier. Denn jeder Journalist ist im Grunde ein Geschichtenerzähler. Aus diesem Grunde seien sie und Steffi Fetz zuversichtlich gewesen, dass diese Finanzierungsform Erfolg haben werde.

Nach einer stiftungsfinanzierten Recherchereise nach Brasilien und im Land ausgeführten Aufträgen von Fans, wollten Sie das Konzept nach Deutschland holen. Hintergrund war die Vermutung, dass viele Menschen zwar eine Menge exotische Ziele, aber manchmal nicht das Bundesland nebenan kennen.

Auch hier wollten die beiden drei Monate reisen und dafür in vier Wochen 4.000€ mittels Crowdfunding sammeln. „Crowdfunding war für uns ein Marketingfaktor, weil das Betteln um Geld sonst vielleicht unsymphatisch rübergekommen wäre.“

Es sollte aber keine Werbung geben und auch nur die Reisekosten gedeckt werden. Selbst Überschüsse am Ende der Reise seien nicht etwa an die beiden ausgezahlt, sondern reinvestiert worden.

Nachhaltig sei diese Finanzierung durch die Zweitverwertung der Inhalte. Damit ermöglichten es Altmaier und Fetz, dass Crowdspondent wie ein Solidarsystem funktioniere. Nicht nur die, die bezahlen, sollen die Inhalte konsumieren dürfen, sondern „auch die, denen die Kohle“ für eine Unterstützung fehle. Die Finanzierungsform sei zwar laut Altmaier nervenaufreibend, mache aber trotzdem unglaublich viel Spaß, „wenn man im Minutentakt die Crowdspondent-Seite aktualisiert“ und hoffe, dass sich dort wieder was tut.

Der Plan:

„Die Crowd sagt uns, was wir recherchieren sollen. Das Motto ist: Schickt uns weg“. Sie haben diese Art der Berichterstattung gewählt, um nicht abhängig von großen Verlagen zu werden.

„Wir sehen, dass einige Themen unterrepräsentiert und andere hingegen überrepräsentiert sind.“ Die unterrepräsentierten Themen sollen mit Crowdspondent abgedeckt werden.

Diese Finanzierungsart bietet auch hyperlokalen Medien die Möglichkeit, kurzfristig Projekte auf die Beine zu stellen, die sonst womöglich unter den Tisch fallen würden.

Die Voraussetzungen

Videos, Texte und Audiobeiträge wurden von den Crowdspondets eigenhändig quasi in Echtzeit produziert. Ihre vielfältigen Skills, die sie in ihrer langjährigen journalistischen Ausbildung, unter anderem in der Journalistenschule DJS, gelernt haben, sind für ein solches Vorhaben von großem Wert.

Altmaier sagt, dass Projekt Crowdspondent habe sie nie nur als Job begriffen. Es dürfe daher auch nie nur um die Wirtschaftlichkeit, sondern vielmehr um Überzeugung und Leidenschaft gehen. Wer die Realisierung eines Projektes in die Hände der Crowd geben will, müsse zudem jederzeit offen mit den Unterstützern umgehen. Sei es, wenn sich Recherchepartner ohne Mithilfe von außen nicht finden lassen oder die Webseite zusammenbricht und nur ein Freiwilliger diese wieder zum Laufen bringen könne.

Eine enge Verbindung zur Crowd sichert auch nachhaltig die Unterstützung. „Und es macht natürlich super viel Spaß!“, so Altmaier.

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Programmpunkt im „Kinosaal“ des Tagungshauses.

 

Die Vorarbeiten:

Zuerst haben wir mit allen gesprochen, die in Deutschland bereits erfolgreich per Crowdfunding Projekte realisiert haben, was deren Erfolgskonzepte waren. Das könne Altmaier nur jedem empfehlen – auch sie sei deshalb hier, um ihre Expertise auf diesem Gebiet weiterzugeben.

Allerdings, so sagt sie, „frag kluge Menschen, aber mache nicht alles, was die sagen“. Denn das Feedback von vielen war vernichtend. Empfohlen wurde den beiden, „doch lieber was in Richtung Feminismus zu machen, zwei Frauen und ein Jahr nach dem #Aufschrei sei das doch viel passender“.

Das Hauptproblem bei Crowdspondent sahen viele nach Aussagen von Altmaier darin, dass das Rechercheziel schwammig gewesen sei und es während der Finanzierungsphase kein konkretes Produkt gegeben habe. Die Lösung bestand für die beiden darin, ganz auf die beiden als Person zu setzen, weil dies der einzige Wiederkennungswert gewesen sei. Das, was bei ihnen so locker rüberkomme, sei natürlich so gewollt, war aber vor allem auch eine strategische Entscheidung.

Altmaier und Fetz haben sich trotzdem dagegen entschieden und Mut bewiesen, eine unkonventionelle Idee in die Tat umzusetzen. Ihr Kredo war, „wir haben Lust darauf, und wenn das anderen auch so geht und uns deshalb dafür Geld geben, machen wir das. Und wenn nicht, machen wir es halt nicht“. Und es gab genügend die darauf Lust hatten.

Lisa-Altmeier

„Crowdfunding ist permanentes Geschichten erzählen“

Die Erfolgsgaranten:

Für diesen Erfolg habe man vorab viel Aufklärungsarbeit leisten müssen, denn längst noch nicht jeder wusste zum damaligen Zeitpunkt, was Crowdfunding ist. Das sei heute sicherlich auch immer noch ein essentieller Bestandteil von Crowdfunding-Kampagnen.

Auch Imagestarke und emotionale Making-Of-Videos hätten den Erfolg der Kampagne vorangetrieben, so Altmaier.

Hyperlokale Journalisten hätten dabei den Vorteil, sowohl ihre Zielgruppe als auch das Produkt schon ganz genau zu kennen. So könne leichter eine zielgerichtete Crowdfunding-Kampagne gestartet werden.

Der Ablauf:

Erst als das Projekt finanziert war, ging es in die konkrete Planung der Inhalte. Die Recherche müsse laut Altmaier „eng vorgeplant werden“. Nur zwei, drei mal wussten die beiden nicht, was sie am nächsten Tag produzieren. Das sei zwar am Ende nochmal gut gegangen, sollte aber bei Projekten dieser Art die Ausnahme bleiben.

Auf der Recherchereise haben die Crowdspondents sich direkt ans Video drehen, Video schneiden und Hochladen bei Youtube gemacht. Erst zuletzt sei diese dann dann an die Redaktionen und Verlage geschickt worden, die Altmaier und Fetz die Inhalte abnahmen (unter anderem einsplus und jetzt.de veröffentlichten ihre Inhalte).

Die Erfolgserlebnisse:

Durch das Crowdfunding werden auch Leute, die von sich aus gerne ihre Geschichte erzählen wollen, gefunden. Diese Geschichten hätte man sonst wahrscheinlich nicht gehört, gesehen und gelesen. Bei dem Wunsch eines Crowdspondent-Unterstützers Flüchtlinge zu interviewen, musste jedoch der herkömmliche Weg über offizielle Stellen genommen werden. Hier ließen sich über die Crowd einfach keine geeigneten Protagonisten finden.

Die Zukunft:

Die beiden Crowdspondents sind schon in der Planung ihres nächsten Projektes. Höchstwahrscheinlich nach Japan soll sie die nächste Recherchereise führen. Die Finanzierung wird wieder via Crowdfunding stattfnden.

Nur sei Altmaier diesmal etwas gelassener, was die Unterstützung angeht. Inzwischen sei Crowdspondent schon eine Art Marke, die wohl leichter Geldgeber finden werden. Das sei vor allem darauf zurückzuführen, dass man inzwischen wisse, was Crowdspondent leisten könne.

Das Imagevideo das auf der Crowdfunding Plattform Start Next lief, findet ihr hier

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