Keine Lückenbüßer

Lilienthal

Lokalblogs schließen die Lücke, die Vollredaktionen und Tageszeitungen heute hinterlassen – zumindest theoretisch, sagt Prof. Dr. Lilienthal, Professor für die Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg.

Personalabbau und Redaktionsschließungen führen dazu, dass immer kleinere Redaktionen immer größere Verbreitungs- und Berichterstattungsgebiete bedienen müssen. Das bringe zwangsläufig Qualitätseinbußen mit sich, sagt Lilienthal zu Beginn des Seminars „Challenge accepted – Zukunftsstrategien für hyperlokale Onlinemedien“.

Zum Download die Powerpoint-Präsentation von Prof. Dr. Volker Lilienthal

Tageszeitungen zu ungenau im Lokalen

Oberflächliche Recherchen seien genauso eine Begleiterscheinung des „teilweise etwas träge gewordenen“ Lokaljournalismus, wie die Tatsache, dass sich Lokalredaktionen oft und gerne daran orientieren, was die Kommunalpolitik vorgibt und der Bürgermeister erzählt. Obwohl „das Lokale“ eigentlich der Unique Selling Point für die Tageszeitungen sein sollte, sei dieses Ressort häufig schlichtweg unterentwickelt. „Die Arbeit von Vollredaktionen leistet keine Vollversorgung – besonders nicht im Lokalen“, so Lilienthal.

Wo manche Lokalzeitungen scheinbar versagen, liege auch eine Chance für hyperlokale Blogs: Sie berichten unmittelbar und live und sind näher dran an dem, was die Zivilgesellschaft in einem Stadtviertel bewegt. Digitale Lokalmedien bereichern nicht nur das lokale Informationsrepertoire, sie werden auch gebraucht, um die mangelnde Tiefe der Berichterstattung einiger Lokalzeitungen zu kompensieren.

„Dem Bürgerwillen ein Forum geben“

Lokalblogger könnten die Stimmung des Viertels besser einfangen und wirken dadurch authentischer. Viele Lokalblogger sind erst durch ihr eigenes Selbstverständnis als engagierte Bürger zum Bloggen gekommen. Sie sind die Stimme der Bürger und bieten dadurch einen echten Meinungsaustausch, meint Lilienthal. Ihre Aufgabe und Chance ist es deshalb das Stadtgespräch zu moderieren, die Meinungsbildung ihrer Leser zu fördern und aktuelle Prozesse vor Ort transparent zu machen.

Wenn ein Blog beispielsweise unmittelbar nicht nur darüber berichtet, was in einer Ratssitzung beschlossen wurde, sondern auch Hintergründe offenlegt, erhalten Leser ein ausgewogeneres und dadurch auch besseres Bild. „Lokalblogs arbeiten nicht resultatorientiert, sondern vor allem prozessorientiert“, so Lilienthal. Lokales Geschehen kritisieren und kontrollieren, ganz transparent – das sei also eigentlich die Aufgabe von Lokalblogs.

„Mir persönlich ist kein Lokalblog bekannt, der all diese Aufgaben perfekt umsetzt“, sagt Lilienthal. Einigen Onlinemedien fehle noch die journalistische Qualität und Professionalität, um die selbst gewählten Themen überzeugend darzustellen. Nur fundierter Lokaljournalismus könne dauerhaft einen Beitrag zur Optimierung des Zusammenlebens in lokalen Räumen liefern, ist Lilienthal überzeugt.

Auch die Finanzierungskonzepte lokaler Blogs bewegen sich laut Lilienthal noch auf prekärem Niveau. Viele der Blogger seien mit Herzblut und Engagement dabei, Gewinne würden jedoch selten erzielt. Trotzdem besetzen Blogs eine wichtige Nische, die große Verlage mittlerweile zunehmend vernachlässigen.

Dieser Befund ist ein Appell an Lokalzeitungen und Lokalblogs zugleich.

Lilienthal zeigt sich optimistisch: „Es ist viel zu tun, aber packen wir`s an!“

 

 

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