Panel E des Forum Lokaljournalismus (von links): Rolf-Herbert Peters, Reporter für das Magazin stern, Aline Pabst, Reporterin der Saarbrücker Zeitung, Kristin Langen, Freie Journalistin, Netzwerk Klimajournalismus, Berlin, und Prof. Dr. Beatrice Dernbach.

Panel E: „Klimajournalismus ist unsere Aufgabe.“

Wie kann Klimajournalismus ein fester Bestandteil im Lokalen werden? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Panel E beim Forum Lokaljournalismus. Dort gaben zwei Journalistinnen und ein Journalist Einblicke in ihre Arbeit.

Redaktionskonferenz. 1971 in Köln. Der Chefredakteur spricht von einem interessanten Thema, das in den amerikanischen Medien immer wieder auftauche. Von „Enviromental Protection“ sei dort die Rede, das sei letztlich eine Art Naturschutz. Diesen Moment, den später der Journalist und damalige Redakteur beim Kölner Stadt-Anzeiger, Ulrich Manz, in einem seiner Bücher beschreibt, nannte Prof. Dr. Beatrice Dernbach heute, 51 Jahre danach, den Beginn des Klimajournalismus in Deutschland. Beim Forum Lokaljournalismus moderierte sie die Best-Practice-Runde „Klimajournalismus mit Konzept“.

In diesen Tagen ist das Thema Klima präsenter denn je. „Da muss man sich heute wundern, warum Medien das Thema nicht schon früher aufgegriffen haben.“ Die Karriere des Themas Ökologie sei geprägt von Störfällen und Fast-Katastrophen, Angst und Protest, sagte Dernbach, die an der Technischen Hochschule Nürnberg tätig ist. Blicke man auf die Öko-Berichterstattung heute, zeige diese starke Defizite. „Selten werden Ursachen thematisiert oder analysiert. Sie ist Zustands- und nicht prozessorientiert.“ Es gebe kaum Hintergrundgeschichten, meist gehe es um Unglücksfälle. „Der Klimajournalismus ist eher kurz- statt langfristig ausgerichtet.“

Wie guter Klimajournalismus geht, zeigten drei Gäste bei diesem Panel:

Kristin Langen, Freie Journalistin, Netzwerk Klimajournalismus, Berlin

Rolf-Herbert Peters, Reporter für das Magazin stern

Aline Pabst, Reporterin der Saarbrücker Zeitung

„Klimajournalismus macht für mich die Klimakrise wirklich greifbar in ihrer Größe und Bedeutung.“ – Kristin Langen, Freie Journalistin

Die Freie Journalistin Kristin Langen widmet sich ganz dem Klimajournalismus. Dennoch sagt sie: „Mir ist die Klimakrise erst in den letzten Jahren und Monaten bewusst geworden. Mit Emotionalen Impact dahinter: Der Kuckuck ist vom Aussterben bedroht. Überschwemmungen können bis Mitte des Jahrhunderts bis hinter Hamburg, fast bis Lüneburg reichen. Im Lokalen wird deutlich: Was heißt das, wenn die Welt heißer wird?“

Kristin Langen, Freie Journalistin, Netzwerk Klimajournalismus, Berlin.

Sie arbeitet für das Projekt Klima-Lokal, das von den Journalisten und Autoren Nick Reimer und Toralf Staud initiiert wurde. Gemeinsam vernetzen sie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Lokaljournalistinnen und -journalisten. Beim Forum stellte sie ganz praxisnah einige lokale Möglichkeiten für die Berichterstattung vor: Der Hering sei vom Aussterben bedroht. Die lokale Feuerwehr müsse sich neu einstellen, da es mehr Waldbrände und gleichzeitig Starkregen-Ereignisse geben wird. „Ganz konkret geht es darum: Sind die lokalen Akteure vorbereitet auf die Diagnosen, die uns betreffen.“ Sie führte die Reihe an möglichen Themen fürs Lokale weiter: Altenheime werden Kühlanlagen brauchen, Bushaltestellen sollten keine Dächer aus Glas haben – Ist das Bauamt darauf vorbereitet? Spielplätze werden Sonnensegel brauchen, Pflegekräfte müssen auf Hitzekranke oder -tote vorbereitet sein. Deutlich wurde: Langen kann diese Liste noch beliebig fortführen. Denn ihrer Ansicht nach ist „jedes Thema ein Klimathema. Das müssen wir nach und nach lernen.“

„Klima kann alles sein“

Möglichkeiten, wie Redaktionen das Thema Klima aufgreifen können, seien Klima-Newsletter, Schwerpunktseiten, Seminare für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Klimareporter untereinander vernetzen, und: „Das Thema nicht als ,grün‘ abstempeln. Klima kann in allen Bereichen mitgedacht werden.“

Langen und ihre Kolleginnen und Kollegen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Lokaljournalistinnen und -journalisten Zugang zu Studien, neuesten Erkenntnissen und Infomaterial zu ermöglichen. Einige hilfreiche Seiten und Tipps brachte sie direkt mit zum Forum Lokaljournalismus:

Hilfe für die Recherche

  • Gerics Klimaausblick – Was bedeutet der Klimawandel auf regionaler Ebene? Das Climate Service Center Germany des Helmholtz-Instituts hat in interaktiven Karten, auf denen einzelne Landkreise angeklickt werden können, für jedes der 16 deutschen Bundesländer einen Klimaausblick veröffentlicht.
  • Deutscher Wetterdienst – Für jede Region gibt es Ansprechpartner.
  • Umwelt Bundesamt – die Behörde bricht aktuelle Themen lokal runter und stellt viele hilfreiche Beispielprojekte vor, sagt Langen.

Ansprechpersonen für Interviews

  • Leopoldina – Die Deutsche Akademie der Naturforscher
  • SMC – Das Science Media Center Germany will Medienschaffende kostenfrei bei der Berichterstattung über Themen mit Wissenschaftsbezug unterstützen.
  • IDW – Auch der Informationsdienst Wissenschaft stellt aktuelle Erkenntnisse der Forschung zur Verfügung.

Netzwerke

Einige Vereine oder Redaktionen, die sich vorrangig mit Klimafragen beschäftigen, sind:

– Netzwerk Weitblick https://www.netzwerk-weitblick.org/

– Netzwerk Klimajournalismus https://klimajournalismus.de/

– Correctiv.Klima https://correctiv.org/schwerpunkte/klima/

– Klimafakten.de https://www.klimafakten.de/

Mehr über Kristin Langen:

https://speakerinnen.org/de/profiles/kristin-langen

„Klimajournalismus ist für mich nicht über den Regenwald zu berichten, sondern den Leuten vor Ort auf die Finger zu schauen.“ – Rolf-Herbert Peters, Magazin stern

Wie lokal und nah der Klimawandel ist, zeigt sich auch in den überregionalen Medien: Rolf-Herbert Peters schreibt seit 20 Jahren für das Magazin stern über die Themen Energie und Nachhaltigkeit und verantwortet den Magazinteil „Ökobilanz“. Über den Klimawandel sagt er: „Früher hatte man Angst, heute hat man Lust dagegen vorzugehen.“

Rolf-Herbert Peters, Reporter für das Magazin stern

Beim Panel stieg er mit einer Analyse des Umweltbundesamts von 2022 ein. Demnach halten 65 Prozent der Deutschen das Thema Klimaschutz für ein wichtiges Thema – trotz Corona. Anhand eines Beispiels verdeutlichte Peters das Interesse der Leserinnen und Leser: Die Zahl der Google-Suchen nach nachhaltigen Produkten in der Kategorie „Einkaufen“ stieg in Deutschland im Jahr 2020 (im Vergleich zu 2016) um etwa das Fünffache an. „Die Leute machen sich zunehmend Gedanken: Was kaufe ich ein?“, sagte Peters. Daher landen beim stern ökologische Themen regelmäßig auf dem Titel, beispielsweise als die Redaktion eine Ausgabe gemeinsam mit Fridays for Future machte oder regelmäßig bei Service-Themen.

Leser schicken Themen ein

Um Service gehe es meist auch in der Kolumne „Ökobilanz“, die Peters betreut. Dort würden Fragen beantwortet, die viele Leserinnen und Leser interessierten: Besser auf Avocados verzichten? Wie umweltschädlich ist Fußball? Killt das Militär auch das Klima? Das Rechercheziel dabei sei: „Wenig Meinung, viele Fakten – und keine Ideologien.“ Peters und seine Kolleginnen und Kollegen erhalten die Themen und Fragen für diese Kolumne direkt ins E-Mail-Postfach geliefert: „Ich werde überschüttet mit Mails von Lesern: Prüft doch mal das, macht doch mal das. Ich habe eine Liste von 100 verschiedenen Themen.“ Für die Texte recherchiert er beispielsweise in internationalen, wissenschaftlichen Datenbanken und in der Pressedatenbank seines eigenen Verlages Gruner und Jahr, er führt Gespräche mit Experten (beispielsweise vom Umweltbundesamt, dem Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg, dem Öko-Institut oder Stiftung Warentest.

Ein Grenzgang

Ein Beitrag der Seite Ökobilanz im stern.

Für Peters ist Klimajournalismus immer auch ein Grenzgang: „Darf sich eine Zeitung oder Zeitschrift gemein machen mit ,der guten Sache‘?“ Seine eigene Antwort darauf: Ja, wenn einige Punkte erfüllt seien: Eine Zeitung dürfe Haltung in Klimafragen zeigen, das bedeute nicht Parteinahme. „Klimajournalismus sollte lehrreich sein, aber nicht belehrend.“ Die Recherche müsse auf wissenschaftlichen Fakten beruhen, auch eigene Meinung sei erlaubt – „aber dann in einer passenden, klaren Stilform, also einem Kommentar oder einer Glosse“. Auch auf die passende Sprache müsse geachtet werden, Journalisten sollte keine „Werbefloskeln reproduzieren“.

Peters nannte eine Idee, wie Klimathemen lange interessant bleiben: „Veranstalten Sie Diskussionsrunden oder Leserrunden per Video-Chat. Ich habe die Leser noch nie so gut kennengelernt wie da.“

Zur Seite der Ökobilanz: https://www.stern.de/wirtschaft/news/themen/oekobilanz-4541438.html

„Klimajournalismus im Lokalen ist für mich alternativlos. Es ist unsere Aufgabe.“ – Aline Pabst, Saarbrücker Zeitung

Und wie kann das alles nun im Lokalen aussehen? Aline Pabst gab ihre Antwort darauf. Sie ist seit kurzem Redakteurin der Saarbrücker Zeitung. Privat habe sie sich schon lange für Umweltthemen interessiert. „Irgendwann habe ich aufgehört, denn nach jedem gelösten Problem entstehen zehn neue.“  Doch Pabst ist Journalistin geworden, „weil ich die vierte Macht im Staat sein will“. Als die Saarbrücker Zeitung im Juli 2021 ihre Redaktions- und Blattstruktur änderte, schlug Pabst, die damals Volontärin war, in einer der Arbeitsgruppen die Idee einer Klimaseite vor. „Mein Ziel war: Wie bricht man die Klimakrise lokal runter?“ Seit der Umstrukturierung im Juli 2021 gebe es nun täglich wechselnde Schwerpunktseiten unter anderem auch Gastronomie.

Fast alles ist Klimajournalismus

Aline Pabst, Saarbrücker Zeitung (Mitte)

Ziel dieser Seiten sei es, globale Krisen lokal zu verorten, eine regelmäßige Berichterstattung zu etablieren, Hintergründe und kritische Einordnungen zu liefern. „Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen.“ Ob Gastro, Verkehr, Konsum oder Bauen, „man muss nur den richtigen Drall reinbekommen, dann ist es schon ein Klimathema“, sagt Pabst. Auf der Sonderseite schreibt sie dann über die Folgen des Klimawandels in der Region und politische Entscheidungen, stellt lokale Initiativen vor, führt Interviews mit Expertinnen und Experten, oder gibt Service-Tipps (beispielsweise zum Energie sparen). Ein weiterer Bestandteil dieser Seite ist die „Klima-Kolumne“. In dieser Art Glosse würden Themen etwas spitzer kommentiert.

Weiterbildung im Redaktionsalltag

Die Klima-Kolumne der Saarbrücker Zeitung.

Derzeit gebe es Überlegungen, wie die Klimaschwerpunktseite noch präsenter werden könne. Ein Problem dabei sei momentan der Online-Aufritt – beziehungsweise vielmehr die fehlende Zeit dafür. Da Pabst nicht nur für die Klimaschwerpunktseite verantwortlich ist, sondern im Redaktionsalltag aktiv im Tagesgeschäft stehe, sei die Arbeitsbelastung derzeit sehr hoch. Dennoch appellierte sie an alle Kolleginnen und Kollegen, sich irgendwie Zeit frei zu räumen. Unter anderem auch für Schulungen zu Klimathemen. „Häufig fehlt das Wissen auf dem Gebiet.“ Das sei aber wichtig, um beispielsweise bei Diskussionsrunden Falschaussagen identifizieren und einordnen zu können. „Es ist wichtig, das wir Schulungen machen. Nicht nur die jüngeren Redakteure, sondern auch die älteren.“

Mehr über Aline Pabst und die Schwerpunktseite:

https://mobile.twitter.com/alinepabst

https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saarlouis/kolumnen/klima-kolumne-welche-vorteile-der-sahara-staub-fuers-saarland-haben-koennte_aid-68127387

Katharina Dodel

ist stellvertretende Redaktionsleiterin der drehscheibe.

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