Müssen wir es tun, nur weil wir es können?

Im Interview erklärt Richard Gutjahr, freier Journalist, warum Snapchat wichtig ist und welche Probleme zu viel Aktionismus in der Medienbranche mit sich bringt.

Herr Gutjahr, in einem Satz erklärt: Was ist Snapchat?
Richard Gutjahr: Snapchat ist eine Art Hybrid aus Chatplattform wie WhatsApp und Video- und Bildplattform wie Instagram.

Warum sollten Journalistinnen und Journalisten bei Snapchat sein?
Gutjahr: Weil Snapchat eine wichtige Übergangstechnologie ist, weg vom geschriebenen Wort à la Twitter hin zu einer Bildsprache, die sehr viel mit Emoticons aber auch Videos arbeitet. Und vor allem, weil die Taktung von Snapchat – Snaps sind maximal 10 Sekunden lang – ideal zu unserem Lebensalltag passt. Selbst wenn Snapchat in zwei oder drei Jahren vielleicht nicht mehr so angesagt ist, werden wir etwas Wichtiges durchs Snappen gelernt haben.

Nämlich?
Gutjahr: Snapchat bringt uns dazu, etwas so zu kommunizieren, dass man es eben gerne noch am Bahnsteig, kurz bevor der Zug kommt, konsumiert. Es passt gut in die Kürze rein. Auf einen Link zu klicken, und eine Zeitungsseite aufzumachen oder einen Radiobeitrag zu hören, das passt nicht in unseren Alltag.

Nächstes Jahr stehen die Bundestagswahlen an. Wie lässt sich Snapchat da nutzen?
Gutjahr: Wenn es zum Endspurt beim Wahlkampf kommt, könnte ich mir gut vorstellen, einfach mal einen Tag im Leben eines Politikers durchzusnappen. Ich glaube nämlich, dass die wenigsten von uns eine Vorstellung davon haben, wie hart die eigentlich arbeiten. Snapchat ist ideal, um solche Einblicke zu geben.

Haben Sie das Gefühl, dass Journalistinnen und Journalisten angesichts der vielen Möglichkeiten zu berichten den Überblick verlieren?
Gutjahr: Wir haben es in den Medien mit einem Pendel zu tun: Wir sind von einem Extrem ins andere geschlittert. Wir haben es uns zehn oder 15 Jahre zu gemütlich gemacht und gar nicht erkannt, was für neue Chancen für uns heranwachsen. Und jetzt übertreiben wir es in die andere Richtung: Aktionismus überall. Alles muss drei-, vierfach-multimedial sein. Wir sind so geflasht von den ganzen Möglichkeiten, dass wir uns die nächstwichtige Frage noch nicht gestellt haben.

Und die wäre?
Gutjahr: Müssen wir es tun, nur weil wir es können? Die Diskussion ist ja gerade am Entstehen, ob es nicht manchmal klüger wäre, aus dem Hamsterrad rauszutreten. Und sich zum Beispiel erst mal in Ruhe zu überlegen: Ist dieses Foto so wichtig, dass wir es jetzt publizieren müssen. Weil: Einmal in die Welt gesetzt, kannst du es nie mehr zurückholen. Aber ich denke, dass wir in den nächsten Jahren, auch durch diverse Tests zum Beispiel bei Katstrophen, merken werden, wann es klug ist, live zu senden. Und es eben nicht nur zu tun, weil wir es können.

Kann man aus den bisherigen Entwicklungen eine Art Richtlinie für das journalistische Arbeiten ableiten?
Gutjahr: Ich sehe jetzt schon, wie viele Sender oder Verlage Handbücher schreiben, was man machen soll oder nicht machen soll. Mir persönlich als Reporter vor Ort nützt das herzlich wenig, weil jede Situation anders ist. Was in der einen Situation richtig sein mag, kann in der nächsten komplett falsch sein. Ich denke, dass wir ein Grundverständnis für diese digitale Revolution entwickeln müssen, und ein besseres Gefühl für Resonanzmuster in der Gesellschaft. Also dafür, wie sich Nachrichten im Netz verbreiten.

Was wird das nächste große technische Ding sein?
Gutjahr: Das Thema Video und Mobil wird noch viel größer werden. In den Ballungsräumen soll es 2018, 2019 mit dem nächsten Mobilfunkstandard 5G losgehen. Spätestens dann werden alle Schleusen aufgehen. Dann werden wir auf unserem Smartphone unterwegs eine Übertragungsrate haben, die zehnmal so schnell ist wie heutiges Glasfaser. Und bezüglich Radio denke ich, dass augmented-ear-reality eine große Nummer sein wird. Wir werden eher mit einem Ohrknopf rumlaufen als mit einer Googlebrille. Die Technik und die entsprechenden digitalen Assistenten sind jetzt so weit, dass sie erkennen können, wo wir sind, was wir machen. Zum Beispiel erkennt die Technik dann: Aha, du bist gerade am Flughafen, du hast dir ein Flugticket gekauft, dann sage ich dir jetzt, dass sich das Gate geändert hat. Wenn das kommt, werden sich Radiomacher überlegen können, wie sie zu dieser Technik passen. Dann könnten Radiosender ihren Nutzern zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Angebote machen. Dafür ist Radio prädestiniert.

Ann-Kristin Schöne

Ann-Kristin Schöne ist Volontärin bei der Bundeszentrale für politische Bildung, Jugendmagazin fluter und Lokaljournalistenprogramm.

Kommentar (1)

  1. Toll, diese enormen Fortschritte in der Technik! Wahrscheinlich gibt’s demnächst eine App, die meldet, wo der nächste Anschlag verübt werden wird. Dann kann man mit gezückter Kamera dorthin flitzen und loslegen. Snapchats vom Terror! Tolle Sache! Gutjahr hat’s in Nizza und München vorgemacht. Tochter Thamina war in München – ganz unabhängig von ihm – auch ganz vorne mit dabei. Dass ihre Aussagen, wie sie jeweils zu ihren „Snapchats“ gelangt sind, so völlig widersprüchlich und unplausibel sind, liegt wohl nur daran, dass sie ihre Proto-App noch ein wenig exklusiv für sich behalten wollen. Bin mal gespannt, wann sie auf dem allgemeinen Markt zu haben ist!

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