Jörg Jung legt Wert auf Recherchen

Recherche? Lasst die Freien ran!

Jörg Jung legt Wert auf Recherchen

Jörg Jung legt Wert auf Recherchen

Ein ungewöhnliches Modell stellte Jörg Jung, Chefredakteur der Böhme Zeitung in Soltau, vor. Am Anfang stand ein Problem. Seine Redaktion habe oftmals keine Zeit gehabt, Geschichten wirklich zu Ende zu recherchieren, sagte Jörg Jung von der Böhme Zeitung in Soltau. Und so habe man beschlossen, Langzeit-Recherchen an freie Journalisten herauszugeben. Bezahlt werden diese mit 22,50 Euro pro Recherchestunde, inkl. Fahrten und Spesen, und 74 Cent pro Zeile für den fertigen Text. Die Themen kommen jeweils aus der Redaktion, da die recherchierenden Journalisten in Deutschland verteilt sind. Die aufwendigste Geschichte, an der derzeit noch recherchiert wird, widme sich einem Mobilienunternehmer in Berlin. Der entsprechende Redakteur habe schon über 40 Interviews zu dem Thema geführt.

Ob es seit der Auslagerung Leserreaktionen gegeben habe, fragte Moderatorin Sylvia Binner vom Bonner General-Anzeiger. Nein, sagte Jung. Dennoch halte er an der Idee fest, da sie dem Qualitätsanspruch der Zeitung entspräche.

 

Was sagt die Redaktion?

 

Horst Seidenfaden von HNA wollte wissen, ob es Konkurrenzdenken zwischen den festen Mitarbeitern und den Freien gebe. „Die Stimmung war geteilt“, sagte Jung. Es habe Redakteure gegeben, die die Idee als sinnvolle Erweiterung angesehen hätten, aber auch solche, die fürchteten, dass spannende Geschichten nun nur noch an Freie herausgegeben würden.

Im Anschluss präsentierte Jung Beispiele. In den von Externen recherchierten Artikeln ging es unter anderem um die Ausbildung von Soldaten aus Singapur in der Region, um Pläne zum Ausbau des Bahnnetzes und um die Herstellung von Chemiewaffen.

Warum das Honorar für freie Journalisten verwendet wird und nicht etwa zur Entlastung der festen Redakteure, damit diese mehr Zeit zur Recherche hätten, lautete eine Publikumsfrage.

„Das haben wir schon getan“, sagte Jung. Die festangestellten Reporter hätten jedoch die Aufgabe, selbst Themen zu recherchieren. Und sie seien fest in die Tagesproduktion eingebunden. Deswegen seien diese Langzeit-Recherchen nur mit Externen verwirklichbar.

Was die Besonderheit der recherchierten Geschichten sei, lautete eine Publikumsfrage. „Die Tiefe der Recherche, die Anzahl der Gesprächspartner, das Geschick, an die richtigen Gesprächspartner zu kommen, und das Anführen oftmals noch unveröffentlichter Dokumente“, entgegnete Jung.

Resümierend müsse er aber leider feststellen, dass andere – oftmals weniger aufwendig recherchierten – Geschichten auf höhere Resonanz seitens der Leser stoßen würden, sagte Jung.

Kommentare (4)

  1. Ein toller Ansatz, wie ich finde – auch finanziell.

    „Resümierend müsse er aber leider feststellen, dass andere – oftmals weniger aufwendig recherchierten – Geschichten auf höhere Resonanz seitens der Leser stoßen würden, sagte Jung.“
    – Tja, so ist das im Journalismus. Oft kommt ein gründlich recherchierter, grandios aufbereiteter Artikel nicht gegen eine einfach gestrickte, Aufsehen erregende Polizeimeldung an. Das muss man aushalten.

  2. Das ist schon dreist: Rechnet man den Stundensatz von 22,50 € (inklusive Spesen!) ehrlich auf die Bedingungen des Tarifvertrages für Redakteure an Tageszeitungen um (inklusive Urlaub, Lohnfortzahlung bei Krankheit usw.) , so entspricht das einem Monatsgehalt von rund 1.300 € (brutto). Ein Volontär bei dieser Zeitung würde nach dem Tarifvertrag aber schon im ersten Ausbildungsjahr 1.607 € bekommen – bzw. 1.781 €, wenn er 22 Jahre oder älter ist.

  3. Hallo Herr Buchholz,

    genau diese Rechnung löste die Headline auch bei mir sofort aus. Richtig peinlich finde ich angesichts der öffentlichen Trägerschaft und der Aufgabe der Einrichtung, dass dies von deren Seite völlig unkommentiert veröffentlicht worden ist.

    Wo soll nicht allein politische Bildung, sondern schon der kritische Verstand als Voraussetzung dafür bleiben, wenn nicht mal einfachstes Querdenken/Gegenrechnen vorgemacht wird – bei diesem „Bildungsauftrag“. Ein Trauerspiel…

  4. Im Namen von Berthold Flöper, Leiter des bpb-Lokaljournalistenprogramms: Die bpb ist weder eine Zensur- noch eine Besserwisser-Behörde!

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