„Die Anzeigenkunden rennen uns nach“

Start_ups_PodiumInspiration und Unternehmergeist – Was können Medienhäuser von Start-ups lernen? So lautete die Fragestellung des dritten Podiums. Moderator Lars Grasemann, Marketingexperte von den Netzstrategen, präsentiert drei Beispiele für Start-ups, die Verlage und Journalisten inspirieren können.

Go.Berlin

Als erstes erläutert Bernd Ziegenbalg, Geschäftsführer von Raufeld Medien, das Konzept hinter GoBerlin . Der mobile Stadtführer wird mit den Inhalten der vom Raufeld Verlag herausgegebenen Berliner Stadtmagazine TIP und Zitty bestückt. Das Geo-Portal will nicht nur die junge Zielgruppe erreichen, sondern auch eine Servicelücke schließen: „Unsere primäre Aufgabe als Stadtmagazin ist es schließlich, den Lesern eine Navigation durch die Stadt zu bieten“, sagt Ziegenbalg. „Doch wir haben gemerkt, dass die Leute uns mobil einfach nicht nutzen“. Das läge aber nur daran, dass die Suche in der Datenflut zu lange dauere – nicht an den Informationen selbst.

Im Test der Redaktion brauchte ein Nutzer etwa fünf bis sechs Klicks, bis er auf die gewünschte Information, zum Beispiel eine Restaurantrezension stieß. Die Lösung: Im Portal GoBerlin, das vor eineinhalb Monaten an den Start ging, werden die Inhalte direkt auf einer Karte geobasiert gezeigt. So ist der Nutzer mit einem Klick an der gewünschten Stelle. Und der Kinoeintrag wird mit einem Termin, einer Filmrezension und einer Ortangabe verknüpft. „Wir haben plötzlich deutlich jüngere Nutzer und mehr mobile Zugriffe“, bilanziert Ziegenbalg. „Und das Beste: Wir haben inzwischen kaum mehr redaktionelle Kosten, das Portal verbessert sich automatisch, weil neue Inhalte aus der Datenbank eingespeist werden“. Außerdem habe sich ein positiver Nebeneffekt eingestellt: „Das Portal strahlt eine Sexyness aus, die unsere Produkte bisher nicht hatten“, sagt Ziegenbalg. Gemeint ist damit vor allem auch die Wirkung auf potentielle Anzeigenkunden. „Plötzlich kommen bis zu zwanzig Kleinanzeigenkunden am Tag auf uns zu, die mit uns kooperieren und ihre Inhalte bei uns unterbringen wollen“, sagt Ziegenbalg. „Früher sind wir den Leuten hinterhergerannt, jetzt rennen sie uns nach“. Auf Nachfrage aus dem Publikum erläutert er auch den Mehrwert gegenüber andere Angeboten wie etwa Google Maps oder Yelp: „Wir sortieren die Stadt journalistisch“.

FROH!

Das zweite Start-up-Beispiel kommt direkt aus Köln: Dr. Sebastian Pranz ist Chefredakteur des unabhängigen Magazins FROH!. „Wir können machen, was uns in den Sinn kommt“, stellt er gleich zu Beginn klar. Denn FROH! ist ein Non-Profit-Magazin, es finanziert sich aus Spenden und ist werbefrei. „Wir haben einen journalistischen Verein gegründet, was ungemein aufwendig war“, erklärt Pranz. „Aber es war notwendig, weil uns von Anfang an klar war: Wir wollen einen Journalismus machen, der gesellschaftlich engagiert ist“. Im Magazin wird deshalb regelmäßig ein Wertemix präsentiert, Gastautorenwie Theologen oder Politiker kommen zu Wort. „Wir setzen nicht nur auf professionelle Journalisten“, betont Pranz. Außerdempunktet FROH! mit Long-Reads wie etwa einer Reportage aus dem letzten Stalin-Museum in Georgien. Eine Schwerpunktausgabe hat sich zum Beispiel ganz dem Thema Luxus gewidmet. „Wir haben uns gefragt: Was brauchen wir? Und zwar auf allen Ebenen, auch auf der Produktionsebene“, sagt Pranz. So habe die Redaktion sich nur alle zwei Seiten Farbdruck erlaubt, der Rest sei in schwarz-weiß erschienen.

„Unser ganz eigener Beitrag zur Luxus-Debatte“, sagtPranz. Nach einem Relaunch präsentiert sich das Magazin mit rund 180 Seiten (deutsch und englisch) in Buchform. Außerdem lautet das Motto des gemeinnützigen Vereins: Publishyourself. „Wir ermutigen jungen Publizisten, ihre eigenen Magazine zu herauszubringen“, sagt Prinz. So habe etwa der Verein in Tiflis innerhalb von zwei Woche mit jungen Medienmachern ein Heft quasi aus dem Nichts realisiert. „Wir brauchen nicht mehr Information, sondern mehr Inspiration“, resümiert Pranz. Auf die Frage, was er den Lokalzeitungen empfehle, antwortet Pranz so: „Wir sollten Themen bringen, die uns selbst interessieren“ – und fügt außerdem hinzu, dass Journalismus zwar mit Google und Facebook konkurriere, aber: „Journalisten sind eine ethische Größe, hier liegt das Potential“.

Barzahlen.de

Das dritte Start-up Beispiel erlaubt einen Blick über den Tellerrand: Florian Swoboda ist Gründer und Geschäftsführer von www.Barzahlen.de – einem Dienstleiter aus dem Finanzbereich. Swoboda überrascht das Publikum zum Start mit folgender Tatsache: „Mehr als die Hälfte der Deutschen zahlt bar, nicht mit Kreditkarte“. Damit barzahlen auch bei Online-Shopping möglich ist, schickt das Start-up Kunden auf Wunsch einen Zahlschein mit Barcode zu, den diese dann bei 6.000 teilnehmenden Einzelhändlern vorlegen und bezahlen können.Online shoppen und dann doch noch mal vor Ort in ein Geschäft gehen? Ein Modell, das im digitalen Zeitalter zunächst etwas anachronistisch klingt. „Unser Angebot richtet sich vor allem an sicherheitsbewusste Kunden, also solche, die Datenmissbrauch und Betrug fürchten“, erklärt Swoboda deshalb dem Publikum. Auch zahlreichen Geringverdiener, die keine Kreditkarte besitzen, nutzen demnach den Service.
Zum Thema Start-ups und Medienbranche erklärt Swoboda, er komme aus der klassischen Start-up-Szene in Berlin und beobachte dort immer häufiger, dass Verlage branchenfremde Start-ups aufkaufen: „Ich finde einen solchen Zukauf schlau, denn so sichern sich die Verlage spezielles Know-How“.

Text: Johanna Rüdiger

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