Thema Hyperlokales (v.l.n.r.): Philipp Wahl (WAZ), Daniel Steil (Focus Online), Christian Vollmann (Nebenan.de), und Moderator Armin Maus
Thema Hyperlokales (v.l.n.r.): Philipp Wahl (WAZ), Daniel Steil (Focus Online), Christian Vollmann (Nebenan.de), und Moderator Armin Maus

Hyper, hyper: Drei Arten, an die User heranzukommen

Lokales ist Zukunft – davon sind alle drei Redner überzeugt. Im Austausch mit Armin Maus, Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung, stellten Christian Vollmann (nebenan.de), Daniel Steil (Focus Online Local) und Philipp Wahl (Pro Bochum) ihre hyperlokalen Konzepte vor. Von uns gibt es einen Überblick über die drei Angebote:

nebenan.de

Keine Bohrmaschine zu Hause? Dann frag doch einfach deinen Nachbarn. Um das Prinzip der Nachbarschaftshilfe geht es bei nebenan.de. Auf der Plattform, die ähnlich wie Facebook eine Pinnwand hat und in 53 Städten funktioniert, können Menschen durch die Angabe ihres Wohnorts in Kontakt mit ihrem unmittelbaren Umfeld treten, Nachbarn um Rat fragen oder Hilfe anbieten. Das die App funktioniert, daran arbeitet Christian Vollmann mit 40 Mitarbeitern bei null Euro Umsatz. Wir haben einige seiner Thesen zusammengefasst:

  • Datenschutz: „Wir möchten nicht viele Daten sammeln. Uns geht’s wirklich um die Gemeinschaft. Jeder kann aktiv mitmachen – muss das aber nicht. Wir sind dabei datensparsam unterwegs.“
    „Unser Newsfeed ist chronologisch und ungefiltert: Daran werden wir nie rütteln. Und das stärkt das Vertrauen zu den Usern.“
  • Finanzierung I: „Wir wollen ein soziales Netzwerk etablieren. Wenn man das will, muss man investieren. Untersttzung bekommen wir dabei unter anderem von Burda, der NWZ in Oldenburg oder von PD Ventures der Augsburger Allgemeinen.“
  • Finanzierung II: „Wir bekommen heute schon das Feedback von unsern Nutzern, das lautet: ,Danke, dass es euch gibt, durch euch bin ich aus der Einsamkeit herausgekommen – aber ich habe Angst, dass ihr zu Facebook werdet. Kann ich bei euch nicht was bezahlen, dass das nicht passiert?‘ Wir werden die Leute daher aufrufen: Wenn du willst, dass das so herrlich unkonventionell bleibt, dann bezahl was du willst.“
  • Ziel I: „Wir sind bislang der Underdog. Es geht jetzt darum: Schaffen wir es, in Europa in Deutschland endlich einmal, so eine Plattform aufzubauen, die auch Konkurrent der großen Player wie Facebook und Google sein kann?“
  • Ziel II: „Nächstes großes Thema ist, die lokalen Gewerbetreibenden mitmachen zu lassen. Damit sie mit ihrer Anzeige genau an die richtigen Kunden herankommen.“
  • Ausblick:  „Wir haben ein Vorbild: Xing. Die Plattform ist börsennotiert und hochprofitabel. Wir möchten der dominante Player in diesem Bereich in Europa werden.“

FocusOnline Local

Baustellen, Unfall oder ein neues Bauprojekt: Was passiert in meinem unmittelbaren Umfeld? Diese Frage versucht FocusOnline seinen Usern durch „FocusOnline Local“ zu beantworten. Wer dort seine Postleitzahl eingibt bekommt nicht nur lokale Nachrichten von Focus sondern auch von dutzenden Verlagspartnern. Daniel Steil ist unter anderem Chefredakteur von Focus Online und gewährt einen Blick hinter die Kulissen. Hier seine Thesen:

  • Netzwerk: „Wir hätten sagen können: Wir sind die Nummer Eins, uns geht es  gut. Aber wir haben einen anderen Auftrag: Wir müssen schauen, dass wir uns ein Partnernetz mit mehreren Absendern schaffen. Daher haben wir ein Partnermodell angefangen – zuerst mit dem Kölner Express. Jetzt haben wir 80 weitere an Bord.“
    „Wir haben einen Demokratieauftrag. Wir brauchen eine Meinungsvielfalt in Deutschland – die wollen wir mit den Partnern schaffen.“
  • Finanzierung: „Ich glaube nicht an ein Paid-Content-Modell. Ich glaube, das ist nur in der Nische möglich. Nachrichten im Netz werden frei bleiben.“
  • Assimilation der Medienwelt? „Wir stärken mit unserem Modell regionale Verlage. Wir möchten nicht, dass ein Partner seine Seite aufgibt. Eher geht es darum, einen Ausspielkanal anzubieten, um so gemeinsam die Medienlandschaft zu stärken – in der Hoffnung, dass wir uns Google und Facebook nicht ergeben müssen.“
  • Lokales I: „uns geht es darum: Wie können wir Reichweite stärken und Service bieten? Dem Nutzer bieten wir daher die Möglichkeit, mehrere Orte in den Einstellungen auszuwählen, um von allen gewünschten Orten Nachrichten zu erhalten.“
  • Lokales II: „Am Ende ist es doch wichtig, was um mich herum passiert: Am Ende plane ich meinen Samstagnachmittag um den Hofflohmarkt und nicht um das Treffen zwischen Merkel und Macron.“
  • Ausblick: „Ich würde mir wünschen, dass sich die Verlage in Deutschland nicht gegenseitig als Konkurrenten sehen. Eher sollte die Frage lauten: Wie können wir voneinander profitieren?“

Pro Bochum

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) hat vor einiger Zeit das „Projekt Bochum“ (kurz: ProBO) gestartet. Als Pilotredaktion diente dafür die Lokalredaktion Bochum, in der zwei neue Stellen geschaffen wurden, die genau überprüfen, was die Leser wirklich interessiert. An diesen Interessen sollen die Inhalte der Lokalzeitung angepasst werden. Das sind die Thesen des Projektkoordinators Philipp Wahl:

  • Idee: „Die Idee war zunächst, herauszufinden: Wo sind wir stark? Und wer sind eigentlich die Printleser in Bochum?“
  • Umsetzung: „Die Kollegen sind jetzt in viel stärkerem Austausch mit den Bürgern. Es gibt zum Beispiel Stadtteilkonferenzen. Die Reporter sind als direkt vor Ort und stellen sich den Fragen der Leser. Wir machen uns klassisch zum Anwalt der Bürger.“
  • Ausblick: „Ich hoffe, dass wir es schaffen, den Kollegen eine veränderte Haltung zum Leser entwickeln. Und wir wollen dauerhaft unsere Produkte verbessern.“
  • Abos: „Es gab schon eine positive Entwicklung in der Auflage. Wir haben den Rückgang stabilisiert.“„Wir hoffen, dass sich die Investition in die zusätzlichen Journalisten bezahlt macht.“
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