Stephan Grünewald (links) und Anke Vehmeier (Foto: Gabi Koenig)

Wie tickt Deutschland?

Diese Frage stand im Mittelpunkt des Montagabends. Stephan Grünewald vom Kölner Rheingold Institut warf einen tiefenpsychologischen Blick auf die Verfasstheit der Deutschen.

Rund 20.000 Tiefeninterviews hat das  Rheingold-Institut geführt. Daraus erstellt es eine Art Psychogramm der Nation. Die neuesten Erkenntnisse hat Stephan Grünewald, Psychoanalytiker und Gründer des Instituts, der „Psychologe der Nation“, wie die FAZ ihn nennt, in dem Buch „Wie tickt Deutschland“ zusammengefasst. Auf dem Modellseminar stellte er seine zentralen Thesen vor.

Die Thesen

-Wir leben in einer „aufgewühlten Gesellschaft“.

-Die Deutschen beteuern, Deutschland sei eines der letzten Paradiese. Sie pflegen eine „Auenland-Glückseligkeit“. Das „Grauenland“ indes sei all das, was unseren zeitlichen und räumliche Horizont überschreite: Krisen, Terrorgefahr, Flüchtlinge, Digitalisierung, Globalisierung, Trump, Erdogan etc.. Das „Grauenland“ breche immer wieder ins „Auenland“ ein.

-Angela Merkel war (bis zur Flüchtlingskrise) die Wächterin des „Auenlands“. Ihre Raute symbolisierte den Schutz des „Auenlands“. Durch die Flüchtlingskrise ging diese Vorstellung eines geschützten Raumes verloren.

-Wie können wir die Umbruchzeit als „Trauenland“ erleben?

Was blockiert uns?

1.Mutlosigkeit, resultierend aus der Auenland-Seligkeit. („Jemand ohne Leidensdruck macht keine Therapie.“)

Phänomen der verunsicherten Männer: Dieses ist in Deutschland stärker ausgeprägt als anderswo in Europa. Von „hart wie Kruppstahl“ zu „weich, empfindsam, frauenverstehend“.

27 Prozent der befragten Männer sind der Kategorie „Schoßhund“ zuzuordnen.

Zusammenhang zur subtilen Trump- oder Putin-Verehrung, nach dem Motto: Die trauen sich was und nehmen sich, was sie wollen.

2. Mangelnde Wertschätzung

Beispiel: Lebenslanges Sparen – jetzt Bestrafung mit Minuszinsen. Kann ich mir meine Wohnung noch leisten, hab ich überhaupt ein „Bleiberecht?“ Werde ich noch gebraucht? Bin ich überflüssig. All das birgt erhebliches Kränkungspotenzial in sich.

3. Orientierungslosigkeit

Viele haben den inneren Kompass verloren. Wir erleben eine entfesselte Beliebigkeit.

Wahrheit ist dröge, Lüge ist sexy.

4. Allmachtswünsche

Wir haben ein neues Körperteil bekommen: das Smartphone. Wir glauben, im Handstreich die Welt zu dominieren. Wir leben in der „Zeit des digitalen App-solutisms“.

Das verschiebt unsere Erwartungshaltung: Warum können wir nicht alles im Handstreich erledigen? Von der digitalen Allmacht in die analoge Ohnmacht.

Vier Empfehlungen

-Der Mensch ist nicht perfekt, sondern ein behindertes Kunstwerk.

(„Wir sind alle Jecken.“)

-Wir brauchen den Mut zu einem Standpunkt, der uns auch angreifbar macht.

-Streitkultur bedeutet nicht rigide Durchsetzung eigener Positionen, sondern Auseinandersetzung auf Augenhöhe.

-Gesunder Optimismus wägt die Risiken ab und wagt dennoch die Entschiedenheit.

Das Buch

Stephan Grünewald: Wie tickt Deutschland? Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2019
ISBN 9783462052442Gebunden, 320 Seiten, 20,00 EUR

Stefan Wirner

Stefan Wirner ist Redaktionsleiter der drehscheibe.

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