„Wir dürfen Fehler machen. Wir sind keine Atomkraftwerke.“

Nichts weniger als die vierte Gewalt der Demokratie sollen „die Medien“ sein. Dieser hohe Anspruch ist journalistische Leidenschaft, Verantwortung und Herausforderung zugleich. Doch in Zeiten, in denen so mancher Studie zufolge rund die Hälfte der Befragten wenig oder gar kein Vertrauen in Massenmedien hat und der Begriff Lügenpresse von rechtsradikalen Hetzern missbraucht wird, scheint es schwer, ihn einzulösen. Oder wird die Glaubwürdigkeitskrise künstlich aufgeblasen? Erklärer, Aufklärer, „Lügenpresse“: Was soll und kann die Rolle der Medien in der Demokratie sein? Annette Binninger, Ressortleiterin Politik/Wirtschaft bei der Sächsischen Zeitung in Dresden, Ekkehard Rüger, Lokalredakteur bei der Westdeutschen Zeitung in Burscheid, Henning Noske Lokalchef bei der Braunschweiger Zeitung und David Schraven, Leiter des Recherchebüros Correctiv diskutieren. Sabine Schicke, stellvertretende Lokalchefin der Nordwest-Zeitung in Oldenburg moderiert.

Als Alleinredakteur wie Rüger ist man nicht nur dem Medienhaus verpflichtet. Man ist sozusagen das Medienhaus vor Ort. „Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut, das ich habe“, sagt Rüger. Man begegne den Leuten in der Gemeinde in so vielen Funktionen, als Journalist, aber auch privat. Da sei es schwierig, Grenzen zu ziehen, unvoreingenommen zu berichten und dies den Leuten auch glaubwürdig zu vermitteln. Rüger habe sich daran gewöhnt unter ständiger Beobachtung zu stehen.

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Sabine Schicke, stellvertretende Lokalchefin der Nordwest-Zeitung in Oldenburg, und David Schraven, Leiter des Recherchebüros Correctiv diskutieren. (c) Fabian Scheuermann

Das Problem der Balance zwischen Nähe und Distanz haben viele Lokalzeitungen. Es ist eine Facette der viel beschworenen Glaubwürdigkeitskrise. „Es wirkt manchmal so, als seien Öffentlichkeit und die Journalisten zwei unterschiedliche Sphären. Aber: Wir sind ein Teil dessen. Wenn 39% den Medien nicht mehr glauben, heißt das, auch dass wir uns selbst nicht mehr glauben. Wir müssen ein größeres Selbstbewusstsein entwickeln“, sagt David Schraven.

Annette Binninger musste sich mit Lügenpressevorwürfe in Dresden persönlich auseinandersetzen. Sie verweist darauf, dass auch die NPD schon lange den Begriff „Systempresse“ genutzt habe, um Berichterstattung Legitimität zu entziehen. In ihren Augen habe Pegida es aber geschafft, Verdrossenheit und Skepsis von der Politik auf die Medien auszuweiten. Plötzlich stand ihre eigene Redaktion im Kreuzfeuer. „Was micht zornig macht sind die Drohungen gegen Kollegen. Es ist alles dabei gewesen.“ Doch die Redaktion habe Haltung bewiesen und stand zu ihrer Arbeitsweise. Binninger sei stolz auf ihre „Mannschaft“, darauf dass sie gelernt haben, gelassener damit umzugehen, plötzlich selbst mittendrin in der Vertrauenskrise zu sein.

Eine zentrale Frage ist, ob und wie man über Rechtsextreme berichtet. Oder auch ob man Rechtspopulisten, deren Strategie sich unterscheidet, aktiv in Debatten einbezieht.
Schicke gibt die Frage ins Plenum: „Wer würde die AfD auf sein Podium einladen?“ Die Mehrheit der Hände im Saal geht hoch.
Und wer nicht? Nur eine Hand. „Mir wäre die Lebenszeit zu schade.“
Dass die Alternative für Deutschland, nicht zuletzt nach den jüngsten Wahlerfolgen, womöglich eine Partei ist mit der man sich strukturell und im Dialog beschäftigen muss – auch um sie nicht zum Opfer einer Presseverschwörung zu stilisieren – scheint Konsens im Plenum zu sein.

Das Kernproblem am Lügenpresse-Vorwurf ist für Binninger, dass die Differenz groß sein kann zwischen der empfundenen und in der Zeitung nachgezeichneten Wirklichkeit. Rügers Lösungsansatz ist, eine neue Haltung anzunehmen und stärker erkennbar zu machen, dass Journalisten auch nach Lösungen suchen müssen. „Bei der Flüchtlingsfrage kann man von Unterstützern schreiben, aber auch von Orten, an denen es Probleme gab.“ Er plädiert dafür, verschiedene und auch widersprüchliche Erzählungen an einem Ort zuzulassen und sich von dogmatischen Erzählmustern zu verabschieden.

David Schraven versucht, eine konstruktive Lösung anhand einer Nacherzählung der Kölner Silvesternacht zu entwickeln. Der Skandal sei vermutlich nur zustande gekommen, weil viele Stellen nicht gut besetzt waren, und so hat eine Fehlentscheidung zur nächsten geführt. Aus der Diskrepanz zwischen dem Gedruckten und den Erlebnissen auf der Straße sei eine Skandalvermutung geworden. Und aus der Vermutung die Idee, dass es sich um eine bewusste Lüge handelte. „Dabei war das keine Lüge, sondern die Polizeistelle und Redaktion waren einfach dünn besetzt.“ Durch ein unerbittliches Aufarbeiten, ein Making-of, das genau offenlegt wie es zu Fehlern kommen konnte, könne man in Fällen wie diesen Vertrauen zurückgewinnen. „Wir dürfen Fehler machen. Wir sind doch keine Atomkraftwerke.“ Man müsse nur offen damit umgehen. Eine Redakterin des Kölner-Stadt-widersprach der These in der Diskussionsrunde: Sie hätten hinsichtlich der Kölner Silvesternacht von Anfang an Fehler transparent gemacht. Ein Teil der Leser hätte dies begrüßt, ein anderer habe seine Vorwürfe aber nicht geändert.  „Ich bezweifle, dass man alle überzeugen kann. Ein hoher Prozentsatz lässt sich von nichts beeindrucken.“ Erst recht nicht von Fakten.

David Schraven und Henning Noske, Lokalchef bei der Braunschweiger Zeitung (rechts) (c) Fabian Scheuermann

Braunschweiger Zeitung argumentierte, dass auch mithilfe neuer Tools das, was die Leute wirklich bewegt, die Redaktion erreichen kann. Zumindest annähernd. Die Aktion „Alarm 38“ ruft etwa alle Leserinnen und Leser auf, sich mit Aufregern zu melden, und gibt ihnen eine benutzerfreundliche Plattform dafür, inklusive Verortung. Die Redaktionen würden daraus Geschichten machen. Ein verwegenes Versprechen. „Es war ein Experiment, die Redaktion wollte rebellieren“. Doch es habe sich gelohnt. „Seitdem wir das System haben, wissen wir, das nichts mehr an uns vorbeigeht“, sagt Noske. Einige der Alarme wurden zu wichtigen Geschichten verarbeitet.

Häufig unterschätzt, aber auch gute Impulsgeber für „Alarme“ dieser Art seien Facebook-Seiten über bestimmte Städt. Wie „We love Dorsten“. David Schraven habe die Professionalisierung der Facebook-Seite lange beobachtet.  „Daraus ist Stück für Stück richtiger Lokaljournalismus geworden“. Nach und nachhaben die Betreiber Mitarbeiter eingestellt. Seiten wie diese würden teils von Lokalredaktionen ausgelacht, obwohl bei ihnen die Arbeitsplätze der Zukunft lägen, so Schraven. Auch Rüger bestätigt dass die Wahrnehmung dessen, was in sozialen Medien passiert, sehr wichtig ist. „Die Facebook-Seiten über Burscheid nutze ich seit Jahren als meine lokale Nachrichtenagentur.“

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Ekkehard Rüger, Lokalredakteur bei der Westdeutschen Zeitung in Burscheid, Annette Binninger, Ressortleiterin Politik/Wirtschaft bei der Sächsischen Zeitung in Dresden, und Sabine Schicke (v.l.). (c) Fabian Scheuermann

Schraven spricht sich dafür aus, lange von schnellen Stücken klar zu trennen. Erstere könnten auch gerne mehrere Monate dauern – Qualität brauche Zeit. „Wenn man dem Leser das vorlegt, dann ist er dankbar, er sieht: Die haben sich angestrengt.“ Guter Journalismus wie dieser funktioniert im Kern überall, er sieht nur anders aus, lässt sich anders konsumieren. Wenn man die Geschichten je nach Gegebenheit unterschiedlich veröffentlicht, mache man sich frei von dem Zwang, von Anfang an gezielt auf Print oder Online zu recherchieren. Und wenn man einen Roboter programmiert, der leichte repititive Aufgaben etwa im Datenjournalismus übernimmt, könne man dadurch auch Zeit einsparen – und mehr Zeit für andere Aufgaben gewinnen.

Dass es nicht zwangläufig eine große Redaktion braucht, um fundierte Recherchen auf die Beine zu stellen, zeigte Ekkehard Rüger. 2007 wurde seine Arbeit mit dem Wächterpreis ausgezeichnet. Er deckte eine Luxusreise des Aufsichtsrats und der Gesellschafterversammlung der Burscheider Stadtwerke auf, die von zwei großen Energiekonzernen finanziert wurde. Stück für Stück hat er den Skandal offengelegt und eine Diskussion über Korruption angestoßen. „Auch mit kleinen Stücken kann ich das Körbchen füllen. Es braucht dann eben länger, bis die Geschichte fertig ist.“

Sabrina Gaisbauer

Sabrina Gaisbauer ist Referentin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

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