Jens Lönneker (li) und Berthold L. Flöper

Der Bürger im Zeitalter des Kuddelmuddels

Wie sieht die Zukunft der öffentlichen Meinungsbildung aus? Jens Lönneker, Geschäftsführer des Kölner Meinungs- und Marktforschungsinstituts Rheingold Salon, liefert in seinem Eröffnungsvortrag „Die verwirrten Bürger – Wie steht es um die Glaubwürdigkeit der Medien?“ einen fundierten Überblick über Ergebnisse der modernen Meinungsforschung. Dabei langweilt er nicht mit schnöden Zahlen und Studienergebnissen – im Gegenteil, er liefert einen frei gehaltenen, spannenden Vortrag mit vielen Praxisbeispielen und griffigen Zitaten. Angereist ist Lönneker übrigens mit dem Elektroauto – vielleicht ein Hinweis darauf, dass er der Zukunft schon recht nahe ist.

 1. Themenfeld: Meinung ist der neue Lokaltermin – tiefenpsychologische Grundlagen für die aktuelle Medienforschung

Thesen:
– Identität ist heutzutage nicht mehr an regionale Standorte gebunden, sondern an Meinungen.
Vorteile eines tiefenpsychologischen Zugangs in der heutigen Meinungsforschung: Zugang zu vielen Antworten ist direkter, effektiver; Man versucht Antworten zu bekommen, die man sonst nicht so erhält.
– Früher war Zeitung immer auch ein Ausdruck der regionalen Identität, heute funktioniert Meinungsbildung nicht mehr über lokale Termine oder Geschehnisse vor Ort, sondern über Meinungen, Stimmungen und Vorlieben der Bürger.
– Nur noch die Hälfte der Bürger sagt, dass die Zeitung ihrer Region Teil ihrer Identität ist, die starke Verwurzelung mit der Region als persönliche Identität ist zurückgegangen. Die andere Hälfte sagt: „Ich lebe zwar hier, aber ich könnte auch woanders leben“. Sie ist wegen der Arbeit, der Familie oder anderer Gründe in die Region gezogen, fühlt sich aber unbewusst immer noch mit ihrer ursprünglichen Heimat verbunden.
– Werte ersetzen die Region bei der Identitätsbildung. Beispiele: Der Berliner Bezirk Prenzlauer Berg als Wertegemeinschaft einer bestimmten Bildungselite.
– Zuhause ist also da, wo sich Menschen mit ihren Werten wohl fühlen. Daraus ergibt sich ein Spagat für den Lokaljournalismus: Über Werte berichten oder über Lokales?
– Früher war das Leben in einem vorgegebenen Rhythmus getaktet: Frühstück, zur Arbeit gehen, Pause, weiter arbeiten, Feierabend. Heutzutage ist die Zeit stärker einteilbar, daraus ergibt sich ein Zwiespalt: Einerseits wollen wir an einem Tag möglichst viel erreichen, andererseits haben wir ständig das Gefühl, nichts zu schaffen.
– Heute teilen wir alles in „Happen“ ein, deswegen hat Social Media auch so einen Erfolg.
– Zeit und Raum haben sich auch für Lokalzeitungen verändert, es gibt verschiedene Variationen, Inhalte anzubieten: Print, Online, Facebook, Instagram…

…Die besten Zitate:
 „Viele Medienhäuser denken, nur weil sie Medien machen, beherrschen sie auch gleichzeitig die Medien.“
    Was der Vorteil der tiefenpsychologischen Meinungsforschung ist? „Zwei Stunden lang hört jemand zu, das ist im Rheinland nicht immer denkbar.“

2. Themenfeld: Wie öffentliche Meinungsbildung entsteht – Status Quo und historischer Exkurs

Jens Lönneker

Jens Lönneker, Geschäftsführer rheingold salon. (c) Ann-Kristin Schöne

Thesen:
– Etwas ganz Neues, etwa ein komplett neues Format ganz ohne Werbung, zu entwickeln, funktioniert nicht mehr.
– Um das gewünschte Klientel (Leser) zu erreichen, sollte man Werbung jenseits der eigenen Medien schalten: beispielsweise in Form von Plakaten im öffentlichen Raum. Das Plakat ist so ein Bestandteil des regionalen Erscheinungsbildes.
– Und vor allem: Das neue journalistische Produkt muss der Zielgruppe vorgelegt werden, um Feedback einzuholen.
– Wie wurde früher öffentliche Meinungsbildung betrieben? In den 1960er/1970ern ganz stark über Bilder.
– Die Bürger von heute hingegen sind „verwirrt“: Es existieren viele Meinungen nebeneinander. Beispielsweise lehnen 51 Prozent der Käufer, die beim Discounter Fleisch kaufen, Massentierhaltung ab. Gleichzeitig finden 54 Prozent, dass Lebensmittelskandale zunehmen.
– Historischer Exkurs: Im Feudalismus war Meinungsbildung ein Kampfbegriff gegen die Herrschenden. Der Machtbegriff wandelte sich, wie sich auch der Diskurs der öffentlichen Meinung gewandelt hat.
– Mit der Aufklärung entwickelte sich eine Spaltung von Erleben und Verhalten in einen privaten und einen öffentlichen Raum (Strukturwandel der Öffentlichkeit, Jürgen Habermas). Gleichzeitig wurde der öffentliche Diskurs zum Herrschaftsdiskurs.
– Seit einigen Jahrzehnten erleben wir, dass Öffentliches und Privates immer mehr zusammenwachsen.

Die besten Zitate:
 „Die Bürger von heute sind seltsam – sie können es auch multioptional oder schizophren nennen.“
Mögliche Folgen der Aufhebung vom Öffentlichkeit und Privatheit: „Heute kann sich einfach jemand hinstellen und rufen: ,Lügenpresse!’“

3. Themenfeld: Das Private wird Öffentlich – Formen der Einflussnahme auf die öffentliche Meinung

Thesen:
– Studie: Journalisten werden als Repräsentanten des öffentlichen Raums wahrgenommen, allerdings sehen nur noch 40% der Befragten Journalisten als glaubwürdige Meinungsbildner an. Betroffenen hingegen bringen 80% der Befragten Glaubwürdigkeit entgegen.
– Sehnsucht nach Instanzen im öffentlichen Raum. Zeitungen sollten sich fragen, wie sie psychologisch und/oder emotional an die Bürger/Leser herangehen. Und welche Sprachregelungen man für das bestimmte Klientel finden muss.
– Emotionale Steuerung ist eine Strategie der Werbung. Beispiel: der virale Werbespot von Edeka zum Thema „Heimkommen“.

Die besten Zitate:
– Was sind Studien heute noch wert? „Wahrheit kann man heutzutage in der Pfeife rauchen“
– Wie lange dauert der Zustand der multioptionalen Meinungen noch an? „Mit diesem Kuddelmuddel müssen wir die nächsten acht bis zehn Jahre erstmal leben.“

 

  • © Copyright 2018 drehscheibe. Alle Rechte vorbehalten.
Top