Wahlen im spanischen Olivenhain

Spanien

 

Spanische Lokalzeitungen versuchen, ihren Lesern die Europawahlen vor allem mit Themenschwerpunkten schmackhaft zu machen. Europapolitik ist für den Diario Jaen in Jaén, der andalusischen Hauptstadt einer Agrarregion, streng genommen Lokalpolitik. Im El Dia de Cordoba analysiert die Redaktion zum Wahlkampfauftakt, warum „Andalusien dank Europa gewachsen ist – aber noch größer werden muss“.Das Diario de Teruel hat jede Woche selbst recherchierte Geschichten rund um die EU im Blatt.

Text: Julia Macher

 

 

Diario Jaén

Von Jaén nach Straßburg sind es 1.919 Kilometer, nach Brüssel 1.903, der nächste Olivenhain aber liegt gerade einmal ein paar Hundert Meter von der Redaktion des Diario Jaen entfernt. Und da die Agrarpolitik hauptsächlich von europäischen Richtlinien, Gesetzen und Verhandlungen bestimmt wird, ist Europapolitik in der andalusischen Provinzhauptstadt streng genommen Lokalpolitik.

Agrarregion

So zumindest denkt Manuela Rosa, Leiterin des Lokalressorts des renommierten Diario Jaen, mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren und 40 Mitarbeitern die wichtigste Zeitung der Region. „Als Hauptstadt einer Agrarregion steht für Jaén in Europa sehr viel auf dem Spiel“, sagt die Redakteurin. Fast täglich finden sich Artikel über die Auswirkungen der Gemeinsamen Agrarpolitik auf Oliven- und Milchbauern im Blatt; auch die Europawahlen nehmen seit drei Legislaturperioden breiten Raum ein. Dabei geht es weniger darum, Kandidaten aus der Provinzhauptstadt vorzustellen und im Wahlkampf zu begleiten, denn das würde „darauf hinauslaufen, die Wahlen doch wieder nur durch die nationale Brille zu betrachten – als Stimmungsbarometer für anstehende Kommunal- oder Parlamentswahlen“.

Wöchentliche Doppelseite bis zur Europawahl

Stattdessen soll dem Leser vermittelt werden, welche Rolle die EU für die 100.000-Einwohner-Stadt im Südosten Spaniens spielt. Dafür hat Rosa bis zum Wahltag am 25. Mai eine wöchentliche Doppelseite zur Verfügung. Auf ihr wird gezeigt, wohin die EU-Gelder in Jaén fließen, etwa im Bereich Bildung und Erziehung. Welche Schulen wurden dank europäischer Fonds renoviert? Welche akademischen Austauschprogramme gibt es? Wie viele Jugendliche und junge Erwachsene aus Jaén nehmen daran teil? Auch der Servicegedanke kommt nicht zu kurz. „Wir zeigen den Institutionen vor Ort, welche Kriterien sie erfüllen müssen, um an die Fördertöpfe zu kommen“, erläutert die Journalistin. Die Ergebnisse der Europawahl werden – wie bereits in den Jahren 2009 und 2004 – Aufmacher im Lokalteil, sobald die Daten aus der Stadt vorliegen.

Dabei geht es Rosa auch darum, ein „lokales, europäisches Bewusstsein“ zu stärken. „Da betreiben wir so eine Art Gruppentherapie.“

Eine Herangehensweise, die sich auch im Detail zeigt. In der wöchentlichen Rubrik „Adivina, adivanza“, einer Art sehr persönlich gehaltenen „Frage der Woche“, fragte Chefredakteur Juan Espejo im Juni 2009 mit stolzem Unterton: „Wenn bei den Europawahlen in Jaén die Wahlbeteiligung mit 52 Prozent deutlich über dem andalusischen (40 Prozent) und spanischen (45 Prozent) Durchschnitt lag, was passiert dieses Mal?“ Oder: „Haben wir Bewohner von Jaén beim Urnengang die 440 Millionen Euro im Kopf, die jährlich von der Europäischen Union kommen?“

Manuela_Rosa

 

 

 

 

 

 

Manuela Rosa Lokalchefin des Diario Jaén

Telefon: +34 – 953 21 11 11
Mail: mrosa°ät°diariojaen°punkt°es

El Día de Córdoba

Es ist kein Zufall, dass die Europawahlen in andalusischen Lokal- und Regionalzeitungen besonders ausführlich behandelt werden. Im El Dia de Cordoba, der zu einem Verband von elf andalusischen Regionalzeitungen gehört (Auflage 5.000 Exemplare, 20 Mitarbeiter), analysiert die Redaktion zum Wahlkampfauftakt, warum „Andalusien dank Europa gewachsen ist – aber noch größer werden muss“. Andalusische Parlamentsvertreter erklären, wie das Gleis- und Straßennetz mit EU-Fördermitteln ausgebaut und die Fischerei- und Viehwirtschaft mit EU-Hilfe modernisiert wurde. Zur Sprache kommt auch das wegen hoher Arbeitslosigkeit und verschleppter Verwaltungsreformen eher negative Bild von Andalusien in Brüssel.

Dieser grundlegenden „Beziehungsanalyse“ sollen, so meint Chefredakteur Juan Ruz, stärker lokal fokussierte Berichte folgen, etwa um die Verwendung von Subventionen in einzelnen Betrieben nachzuzeichnen.

Insgesamt habe das Thema Europawahlen im Vergleich zu 2009 an Bedeutung gewonnen, meint Ruz. „Das liegt auch an der Krise. Durch die Kürzungen in den Bereichen Gesundheit und Bildung spüren viele Leser die Auswirkungen der Austeritätspolitik in ihrem Alltag.“ Als Sonderthema will Ruz den Frust über die EU-Politik nicht aufgreifen, europakritische Parteien bekommen die gleiche Aufmerksamkeit wie die Vertreter der Volksparteien, solange sie Kandidaten aufstellen, die in der Region verankert sind.

Juan_Ruz

 

 

 

 

 

 

Juan Ruz ist Chefredakteur des El Día de Córdoba

Telefon: +34 – 957 22 20 50
Mail: jruz°ät°eldiadecordoba°punkt°com

Diario de Teruel

Auch für das Diario de Teruel sind die regionalen Kandidaten der Schlüssel als Ansprechpartner für alle lokal relevanten EU-Themen. Mit gerade einmal 15 Mitarbeitern sei die kleine aragonesische Zeitung (Auflage 5.000 Exemplare), die Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln erhält, auf gute Kontakte in die Politik angewiesen, sagt Chefredakteur Chema López.

„Vielen Lesern ist das nicht bewusst, aber die Zukunft unserer Region liegt in der Europäischen Union“, sagt er. „Daher haben wir eigentlich jede Woche selbst recherchierte Geschichten rund um die EU im Blatt.“

Jüngstes Beispiel sind die Themen Entvölkerung und EU-Subventionen. Mit gerade einmal neun Einwohnern pro Quadratkilometer ist die zentralspanische Provinz Aragón einer der am dünnsten besiedelten Landstriche Europas. In einer Studie hat der regionale Arbeitgeberverband gefordert, deswegen EU-Subventionen zu beantragen. Der Diario de Teruel griff das Thema auf und behandelte es über mehrere Wochen. Berichten von der Pressekonferenz folgten ein zweiseitiges Interview mit einem Autoren und eine Reportage über das Entstehen der Studie. Infografiken zur Bevölkerungsdichte in der EU und Infokästen zu den rechtlichen Grundlagen im Vertrag von Lissabon ergänzten die Berichterstattung. Gleichzeitig wurden die aragonesischen Europa- Abgeordneten der beiden großen Volksparteien PP (konservativ) und PSOE (sozialdemokratisch) um Einschätzungen gebeten.

Studie zur Berichterstattung über die EU-Wahlen 2009

Die Kombination aus fremd- und selbst produzierter Information prägt auch die Berichterstattung zur Europawahl. Die Kandidaten von PP und PSOE werden auf den Wahlkampfveranstaltungen begleitet und stehen Rede und Antwort zu allen großen Themen. Eine Studie zur Berichterstattung über die EU-Wahlen 2009 vermerkte, dass das Diario de Teruel die Kandidaten der Region besonders freundlich behandelt habe. López nimmt das gerne in Kauf. Hauptsache, es finde sich eine Möglichkeit, EU-Themen ins Blatt zu hieven. Und den Lesern zu beweisen, dass Straßburg und Brüssel für ihre Zukunft mindestens ebenso wichtig sind wie Madrid.

Chema_López

 

 

 

 

 

 

Chema López ist Chefredakteur des Diario de Teruel

Telefon: +34 – 978 61 70 86
Mail: chemalopez°ät°diariodeteruel°punkt°net

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