Auf dem Podium (v. l.): Ralf Freitag, Geschäftsführer und Chefredakteur der Lippischen Landeszeitung, Uwe Vetterick, Chefredakteur der Sächsischen Zeitung, Petra Klug, Senior Project Manager der Bertelsmann-Stiftung, Dr. Andreas Hollstein, Bürgermeister der Stadt Altena, Barbara Zinecker, Audience-Development-Redakteurin der Nürnberger Nachrichten und Jana Klameth, stellvertretende Chefredakteurin der Freien Presse.

Wenn der Bus nicht mehr fährt – und der Leser nichts darüber liest

Beim zweiten Podium am Donnerstag wurde der Ausblick auf ein weites Feld eröffnet. Es ging um die Herausforderungen, die Gesellschaft, Politik und Medien meistern müssen – um Megatrends wie etwa den demografischen Wandel.

Zu Gast war aus der Politik Dr. Andreas Hollstein, der Bürgermeister der Stadt Altena. Er wurde im November 2017 auf tragische Weise bundesweit bekannt, als er Opfer einer Messerattacke wurde. In einer Imbissbude hatte ihn ein arbeitsloser Maurer angegriffen, der ihm vorwarf, zu viele Ausländer in die Stadt zu holen. Hollstein wurde am Hals verletzt. Der Angreifer ist erst kürzlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Außerdem auf dem Podium:

Petra Klug, Senior Project Manager der Bertelsmann-Stiftung, Uwe Vetterick, Chefredakteur der Sächsischen Zeitung, und Barbara Zinecker, Audience-Development-Redakteurin der Nürnberger Nachrichten. Die Moderation übernahmen Jana Klameth, stellvertretende Chefredakteurin der Freien Presse aus Chemnitz, und Ralf Freitag, Chefredakteur der Lippischen Landes-Zeitung.

Chancengerechtigkeit zwischen den Regionen

Hollstein geht davon aus, dass die Gesellschaft schrumpfen wird. Die Frage sei, wie man dies mit den Lebensbedürfnissen der Menschen in Einklang bringen könne. Es müssen Qualitatives getan werden, da habe die Politik leider in den vergangenen Jahren versagt. Man dürfe dabei nicht alles dem Markt überlassen. Es gehe auch um Chancengerechtigkeit zwischen den Regionen. Auch hier seien Change Management-Prozesse vonnöten.

Lösungsorientierter Journalismus

Vetterick meinte, wichtig seien die Erkenntnis und die Analyse des Problems, das die Menschen umtreibt. „Eins der Kümmernisse, das wir haben, ist, dass wir zu wenig geerdet sind“, sagte Vetterick. Zeitung sei Inputgeber, nicht Entscheider. Seiner Erfahrung nach sei die Politik bereit zu handeln, gerade im Lokalen. Im Journalismus gelinge die Bearbeitung eines Problems häufig nicht mit der ersten Geschichte, und der Weiterdreh würde oftmals unterlassen. Bei der Sächsischen Zeitung habe man deshalb im vorigen Jahr zwölf Workshops abgehalten, um herauszufinden, welche Probleme den Alltag der Menschen vor Ort erschweren, z. B. Elterntaxis, die für Stau sorgen, fehlende Nachfolger für die Kinderärztin, die in Rente geht etc. „Keine Themen, die Pulitzer-Preis-verdächtig sind“, betonte Vetterick.

Er sprach von einer guten Erfahrung, die er gemacht habe: Wenn Journalismus Abweichung von der Norm sei, gebe es, wenn es ins Negative abweicht, immer Aufmerksamkeit. „Das funktioniert aber auch bei positiver Abweichung, auch diese erregt Aufmerksamkeit.“ Vetterick befürwortet lösungsorientierten Journalismus: „Wir haben zu viele Geschichten, die negative Dinge berichten und keine Lösung anbieten.“ Positive Geschichten seien zeitintensiver.

„Wir haben z.B. festgestellt, dass wir in Sachsen kein AfD-Thema haben, sondern ein Mittelschichtsthema“, sagte er. Die, die die AfD nicht gewählt hätten, hätten die gleichen Sorgen wie die AfD-Wähler: Breitbandausbau, Gesundheitsversorgung auf dem Land etc.

Wissen, was der Leser will

Zinecker erläutert, wie solche Probleme bei den Nürnberger Nachrichten aufgegriffen werden. Die Redaktion teste beispielweise eine Art Erinnerunsgtool, damit Themen von dauerhaftem Interesse nicht verloren gingen. Man lade auch Leser zur Konferenz in die Redaktion ein und befrage Lesergruppen, wenn es um neue Produkte gehe. „Wenn wir nicht wissen, was unsere Leser wollen, können wir einpacken“, meinte Zinecker. Ihr Tag als „Lesertante 2.0“, wie sie sich nennt, starte mit dem Blick über den Tellerrand: „Wie bewegen sich die Leute auf der Webseite? Was passiert in den sozialen Medien? Wer hat mit uns interagiert?“ Hierfür benutze sie die Tools Crowdalyzer und Crowdtangle.

Wenn der Bus nicht mehr fährt

Klug indes führte aus, wie wichtig der Kontakt mit Menschen sei. Mit dem Thema Demographischer Wandel könnten die Bürger meist erst dann etwas anfangen, wenn der Bus im Ort nicht mehr fährt. Sie unterstützte es, wenn das Positive in den Vordergrund gestellt werde. „Diese Negativmeldungen kann man irgendwann nicht mehr hören. Man will auch mal sehen, dass etwas funktioniert, und es funktionieren ja auch Dinge.“

Verhältnis Presse und Politik

Freitag fragte Hollstein, ob bei diesen Themen eine Art Zusammenarbeit mit der örtlichen Lokalzeitung denkbar sei. Hollstein erwiderte, er könne sich in diesen Fragen einen sachlichen Diskurs mit der Presse vorstellen, eine „Verbrüderung“ allerdings lehne er ab. Diese „kritische Symbiose“ zwischen Kommune und Tageszeitung sei äußerst wichtig. Zeitungen seien konstruktive Kritiker von Politikern. Blogs und alternative Newsplattformen könnten die Informationskompetenz von Zeitungen nicht ersetzen.

Klameth wollte von Hollstein wissen, wie er mit den Bürgern kommuniziere. „In Print“. Facebook halte er in seinem Bereich für schwierig, weil Antworten der Stadtverwaltung ja gerichtsfest sein müssten. Alle zwei Woche stehe er beispielsweise auf dem Markt, um ältere Menschen zu erreichen.

Die Erkenntnis

„Es gelingt uns nicht mehr, Zeitungsabo bei Leuten unter 55 zu generieren“, sagte Vetterick. Das sei keine Frage der Inhalte, denn die gleichen Geschichten, die bei den Leuten über 55 in Print funktionierten, funktionierten auch bei Jüngeren online.

Zum Nachlesen

Lesen Sie zur Messerattacke auf Andreas Hollstein auch das Interview mit Thomas Bender vom Altenaer Kreisblatt.

Stefan Wirner

Stefan Wirner ist Redaktionsleiter der drehscheibe.

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