Berichten über Rechtsextremismus: Ratgeber für Journalisten

Respekt_2Netz-gegen-Nazis.de (NgN) ist das Internetportal gegen Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung in Zusammenarbeit mit der Zeit. Die Macher von NgN geben Rat, diskutieren und informieren. Wie Redakteure mit Rechtsextremisten in Online-Diskussionen umgehen sollen, wollten wir von der NgN-Chefredakteurin Simone Rafael wissen. Frau Rafael, Online-Beiträge der Zeitungen über Europa und Zuwanderung ziehen rechtsextrem ausgerichtete Kommentatoren an.Wie sollen sich Redakteurinnen und Redakteure dabei verhalten? Simone Rafael: Vorab stimmt sich die Redaktion am besten ab, wie sie damit generell umgehen will. Rechtsextremen sollte die Zeitung kein Forum bieten, ohne sich einzumischen. Schließlich liest die Allgemeinheit mit. Die Redaktion bestimmt die Regeln für die Diskussion auf ihrer Webseite, das ist ihr Hausrecht.

Im Vorfeld der Europawahl wird viel über die AfD diskutiert…
Rafael: Das ist grundsätzlich legitim und es können sich interessante und vielfältige Diskussionen entwickeln, darüber etwa, wie rechts diese Partei eigentlich ist. Doch auch das kann massiv ausufern mit rassistischen Aussagen und Anfeindungen gegen Muslime. Aus demokratischer Sicht ist das nicht akzeptabel.

Wie halte ich die Diskussion in einem sachlichen Rahmen?
Rafael: Ich bin Fan davon, sich mit den Argumenten konkret auseinanderzusetzen. Klar, das kostet Zeit und man braucht Ausdauer.

Haben Sie einige Tipps?
Rafael: Erstens: Ein klarer Standpunkt. Die Redaktion sollte klar Stellung beziehen und antidemokratische, antisemitische und islamfeindliche Argumente im Diskussionsverlauf als solche entlarven und beim Namen nennen. Das Sperren von neonazistisch und rassistisch hetzenden Nutzern und andere Gruppierungen, die zu Gewalt aufrufen, ist legitim. Alles Demokratiefeindliche hat in der Diskussion nicht zu suchen.
Zweitens: Nachbohren. Hakt man bei fadenscheinigen Argumenten konkret nach, offenbaren sie sich oft als haltlos. Dies lässt sich deutlich hervorheben.
Drittens: Themenhopper bloßstellen. Einige wollen von ihrer Oberflächlichkeit ablenken. Statt ein fundiertes Argument zu liefern, springen sie von einem Thema zum anderen. Oder sie beschuldigen die Zeitung, ihre Meinungsfreiheit zu beschneiden. Solche Leute stellt man bloß, indem man sie auffordert, tiefer in ein Thema einzusteigen und konkrete Belege für ihre Aussagen vorzubringen. Der Moderator entlarvt falsche Behauptungen. So gehen dem anderen schnell die Argumente aus.

Wo ein Rechtsextremist ist, kommen sehr schnell viele weitere dazu. Einige Leute scheinen ihre Energie allein für das Spammen von Internetforen einzusetzen. Doch die Zeit der Redakteure für die Moderation ist begrenzt. Was tun?
Rafael:
Suchen Sie nach Verbündeten! Gibt es ein paar vernünftige Schreiber in der Diskussion, kann sich der Redakteur auf deren Seite stellen. Er geht in seinem Kommentar auf deren Beiträge und Argumente konkret ein und unterstützt Opfer von rechter und verbaler Gewalt. Er zeigt ihnen, dass sie mit ihrer Meinung nicht alleine sind. So lässt sich eine demokratisch, vernünftig diskutierende Community aufbauen, die unsachliche Hetzer abdrängt.

Was tun, wenn die Diskussion kippt?
Rafael:
Wenn bloß noch islamfeindliche und antisemitische Beiträge kommen, ist es angemessen, die entsprechenden Kommentare von der Seite zu nehmen oder die Kommentarfunktion ganz abzustellen. Das ist besser, als einen Shitstorm stehen zu lassen.

drehscheibe-tipp

Ländlicher Raum im Fokus Der dumpfe Nazi auf dem Land: So lautet zumindest ein oft gehörtes Vorurteil. Doch wie ist es um den Rechtsextremismus im ländlichen Raum wirklich bestellt? Netz-gegen-Nazis.de untersucht in einer Reihe verschiedene Aspekte der Thematik. –> Zur Reihe „ländlicher Raum im Fokus

Kontakt zu den Machern

Simone Rafael Chefredakteurin von Netz-gegen-Nazis.de
Telefon: +49 (0)30 240 886 18
Mail: simone.rafael°ät°amadeu-antonio-stiftung°punkt°de

Netz-gegen-Nazis.de

Intention des Projektes „Netz gegen Nazis“ ist laut dem Gründer Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, ein bundesweites Forum in dem „Betroffene einander Rat geben können, was zu tun ist, wenn rechtsextremistisches Gedankengut in ihren Alltag eindringt“. Die Amadeu Antonio Stiftung übernahm die Trägerschaft 2009 von der Wochenzeitung Die Zeit, die das Portal ein Jahr zuvor mitbegründet hat und auch weiterhin unterstützt gemeinsam mit dem Deutschen Fußball-Bund, dem Deutschen Olympischen Sportbund, dem Deutschen Feuerwehrverband und der Deutschen Fußball Liga.

Weitere Ratgaber für das Berichten über Rechtsextremismus

Auswahl von Beiträgen des Dossiers „Rechtsextreme und Medien“ auf bpb.de:

Wenn Redaktionen Flagge zeigen – Rechtsextremismus in der Presse Wie sollen Zeitungen über Rechtsextremismus schreiben? Parteiisch, empört – oder lieber gar nicht? Bauschen sie gar ein Randthema auf? Holger Kulick, Fabian Stroetges und Caspar Rehner meinen: Nur was deutlich beim Namen genannt wird, kann auch repariert werden. –> Zum Beitrag auf bpb.de 

Kleiner Formulierungs-Ratgeber für Journalisten – Wann ist eine Tat rassistisch?  Wann ist die Hautfarbe des Opfers relevant? In den Medien gibt es oft Ungereimtheiten darüber, wann von einer rechtsextremen Straftat gesprochen werden kann, ob Ausländerfeindlichkeit oder doch Rassismus die Hintergründe einer Tat darstellen. –> Zum Ratgeber

Ein kurzer Ratgeber für Journalisten Beim Thema Rechtsextremismus sind Redakteure oft unsicher – vor allem, wenn das Thema für sie journalistisches Neuland ist. Wie soll man mit Rechtsextremen umgehen? –> Zum Ratgeber von Zeit-Autor Toralf Staud

drehscheibe-Beiträge

Experten-Interview zu Berichten über rechtsextreme Parteien Bei der Europawahl versuchen rechtsextreme Parteien, mit antieuropäischen Sprüchen Stimmen zu gewinnen. Wie sollten Lokaljournalisten darüber berichten? Wo ist der Trennungsstrich zu Rechtspopulisten zu ziehen? Und wie geht man mit deren antieuropäischen Ressentiments um? Die drehscheibe sprach mit Ralf Melzer von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Mitherausgeber des Bandes „Rechtsextremismus in Europa“: Aufklären, einordnen, Stellung beziehen Die Medien berichten nur wenig objektiv und unter Verwendung von Stereotypen über das Thema Rechtsextremismus. Das hat Britta Schellenberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München in ihrer Forschung zu dem Thema festgestellt. Gerade im Wahlkampf stehen Lokalredaktionen vor der Frage: Wie gehen wir mit rechtsextremen Parteien und Kandidaten um? Sicher ist: Ausblenden bringt nichts. Wir müssen uns mit den Inhalten kritisch auseinandersetzen. Dazu benötigt die Redaktion ein Konzept. –> Zum drehscheibe-Beitrag zur Wahl 2013

Auswahl von Beiträgen der Webseite „Info Rechtsextremismus – Tipps für Journalisten“:

Achtung, Interview! Fernsehauftritte laufen aus dem Ruder und Journalisten sind nicht mehr länger Gesprächsleiter, sondern Zaungäste. Interviews mit Rechtsextremen sind umstritten und wenig geliebt. Worauf kommt es an und wie bereitet man sich am besten darauf vor? –> Zum Beitrag Achtung, Interview!

Jugend und Gewalt im Fokus Gewalt im Rechtsextremismus wird oft mit Jugendlichen in Verbindung gebracht – doch nicht selten sind Erwachsene die indirekten Anstifter. Wie recherchiert man im Umfeld von Jugendlichen oder Gewalt? Wie berichtet man über Täter und Opfer? Und wie schützt man sich? –> Zum Beitrag Jugend und Gewalt im Fokus

Sport: Totschweigen – Ein grobes Foulspiel Die Ausschreitungen in italienischen Fußballstadien sorgten 2007 weltweit für ein großes Medienecho. Doch Rechtsextremismus in Stadien ist auch in Deutschland ein Problem. Und nicht nur der Fußball ist betroffen. –> Zum Beitrag Sport: Totschweigen – Ein grobes Foulspiel

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