RESSORT: Lokales DATUM: 22.06.18 FOTO: Michael Matejka MOTIV: 24.Forum Lokaljournalismus / Vortrag Bernadette Uth "Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung"

Tipps für den Umgang mit Kommentaren

Welche Faktoren beeinflussen die Qualität von Nutzerkommentaren? Diese Frage untersuchte die Doktorandin Bernadette Uth von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im Rahmen ihrer Masterarbeit. Hierfür hat sie 1500 Kommentare fünf verschiedener Websites deutscher Lokalzeitungen (Nordbayern.de, Passauer Neue Presse, Badische Zeitung, Rhein-Main Medien, Kölner Stadt-Anzeiger) ausgewertet und Interviews mit Redakteurinnen und Redakteuren geführt. In ihrem Vortrag „(Un)zivilisiert? Nutzerkommentare im Netz und ihre Qualität“ stellte sie ihre Forschungsergebnisse vor.

 Ambivalenz von Kommentaren

Kommentare im Netz haben laut Uth einen sehr ambivalenten Output. Einerseits ermöglichen sie den Dialog zwischen Lesern und Leserinnen, schaffen eine demokratische Diskussion und bieten die Möglichkeit schnell Anregungen  an die jeweiligen Onlineredaktionen weiterzugeben. Leserinnen und Leser können durch die Kommentarfunktion auf inhaltliche Fehler oder fehlende Informationen hinweisen. Andererseits finden sich in den Kommentarspalten deutscher Tageszeitungen Rassismus, Beleidigungen und Hass. Sie sind ein Spielplatz von Internettrollen, die undifferenziert, häufig nicht zum Thema des Artikels, ihren Frust ablassen.

Kommentarkategorien: Mehrwert, Minderwert und Inzivilität

Um zu erforschen, welche Artikel solche qualitativ minderwertigen Kommentaren eher hervorrufen, hat Uth zunächst zwischen drei Formen von Kommentaren unterschieden: Kommentare, die einen Mehrwert erzeugen, Kommentare, die einen Minderwert schaffen, sowie Kommentare, die sich durch Inzivilität auszeichnen. Beim Mehrwert dreht es sich um die oben genannten positiven Synergien zwischen Leser und Leserinnen und den Redaktionen der Lokalzeitungen. Unter Minderwert versteht Uth Faktoren wie Geschäfts- und Rufschädigung, unsachliche Kritik am Redakteur sowie Ironie und Sarkasmus. Die letzte Form der Inzivilität umfasst rassistische und beleidigende Kommentare sowie Hasskommentare.

Örtlicher Bezug hat Einfluss auf Qualität der Kommentare

Im Schnitt finden sich bei den für die Forschung herangezogenen Onlineauftritten der Lokalzeitungen drei Kommentare pro Artikel. Wesentlich für die Qualität von Kommentaren ist laut Uth zunächst die Frage, ob die Kommentierenden anonym schreiben oder sich mit ihrem echten Namen registrieren. Die Qualität der Kommentare von Nutzer und Nutzerinnen, die sich mit ihrem echten Namen anmelden müssen, sind im Durchschnitt hochwertiger als jene von Menschen, die unter Pseudonym schreiben. Zudem hat der örtliche Bezug einen signifikanten Einfluss auf die Qualität der Kommentare. Bei Inhalten, die die direkte Lebenswelt der Leser und Leserinnen behandelten, sind die Kommentare mehrheitlich auch sachlicher Art. Das bedeutet, sie liefern zusätzliche Informationen und Hinweise, weisen auf Fehler hin oder bieten Anregungen für neue Recherchen. Bei Artikeln, die nationale Themen behandeln, fanden sich im Gegensatz dazu viel mehr undifferenzierte Kommentare. Ein anderes Ergebnis war, dass Texte ohne Bilder weniger Kommentare der Kategorie Inzivilität hervorriefen.

Handlungsempfehlungen an Lokalredaktionen

Von den untersuchten Seiten der Tageszeitungen ist nur in neun Fällen durch Redakteure und Redakteurinnen moderierend in Diskussionen eingegriffen worden.  Uth empfiehlt den Redaktionen:

  • Redaktionen sollten in den Kommentarspalten sichtbarer werden. Dies ist zwar eine Ressourcenfrage, könne aber positive Auswirkungen auf die Qualität der Kommentare hervorrufen.
  • Themen mit undurchsichtiger Themenlage sollten ausgeschlossen werden, da solche Artikel viele negative und undifferenzierte Reaktionen hervorrufen.
  • Nutzerinnen und Nutzern sollte die Verwendung von Anonymität und Pseudonymen in den Kommentarspalten nicht gestattet sein.

Sie wollen noch mehr darüber erfahren? Hier geht es zu ihrem Vortrag.

Kommentar (1)

  1. Anonymität ausschließen hieße viel Reallife-Erfahrungen verlieren, etwa bei Themen wie Mindestlohn, Klima an Arbeitsplätzen, Alltag aus Pflegeheimen u.a., bei denen sich „Insider“ viermal und fünfmal überlegen unter Klarnamen zu posten. Es gibt auch genug Hinweise, dass Frauen und vor allem Angehörige von Minderheitengruppen dann stärkerer Aggression ausgesetzt sind. Dazu käme das Problem des digitalen Fußabdrucks – vom Aufwand für Verifikation ganz zu schweigen. Echte Realnamenpflicht setzt substantielle Datenerhebung und Überprüfung voraus (etwa nur Abonennten – aber wie bei ÖR-Angeboten handhaben?).

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