Krügers zehn Thesen

Thomas Krüger, bpb-Präsident

Thomas Krüger, bpb-Präsident

Mit einer eindringlichen Rede eröffnete Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, am Mittwochabend das 19. Forum Lokaljournalismus in Waiblingen. Viele könnten nicht wahrhaben, dass der Journalismus dabei sei, „sich grundsätzlich zu wandeln“, sagte Krüger. Als Gründe nannte er unter anderem: Besitzstandwahrung, den Wunsch, die Deutungshoheit zu bewahren. Doch die „Hochkonjunktur des gedruckten Worts“, wie wir sie nach dem Krieg erlebt hätten, gehe dem Ende entgegen. Heute stünden immer häufiger ökonomische Zwänge im Vordergrund, der wirtschaftliche Druck bestimme das journalistische Arbeiten. Journalismus habe zu tun mit geänderten Nutzungsbedingungen junger Menschen und heikler werdenden Arbeitsbedingungen.

Zwar versuchten sich die Verlage für den Wandel vom Print zu Online zu wappnen, etwa durch die Einführung von Newsdesks oder integrierten Newsrooms, einige experimentierten bereits mit dem iPad. Doch die nackten Tatsachen zeigten nach Krüger, „dass wohl erst noch eine längere Durststrecke überwunden werden muss“. So zeige das Ergebnis einer Stimmungserhebung eines Münchner Meinungsinstituts, dass unter 2.200 befragten Journalisten rund 60 Prozent teils erheblich unter dem gestiegen wirtschaftlichen Druck litten – angestellte wie freie.

Durchaus bittere Wahrheiten zu Beginn eines Forums für Lokaljournalismus. Gleichwohl zeigte sich Krüger überzeugt, dass es genug Durchhaltewillen gebe, „bis wir ein im Journalismus neues Goldenes Zeitalter erleben werden, das auch wieder auf ein solides wirtschaftliches Fundament bauen kann“. Jedoch müssten Verlagsmanager sich fragen, was sie tun könnten, journalistische Qualität unter sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Chefredakteure und Lokaljournalisten sollten sich stärker von der Aufbruchstimmung im Netz anstecken lassen und hyperlokale Angebote entwickeln. Und die demokratische Gesellschaft sollte den Wert des Lokaljournalismus neu schätzen lernen.

Zum Abschluss seiner Rede formulierte Krüger zehn Thesen, die hier zur Diskussion gestellt sein sollen:

„1. Lokaljournalismus ist und bleibt als publizistisches Rückgrat der demokratischen Öffentlichkeit unersetzlich.
2. Wir brauchen in der Zeitungsbranche weder Skeptiker noch Apokalyptiker, sondern kreative Mutmacher.
3. Wer den Lokaljournalismus erhalten will, muss bereit sein, finanzielle Durststrecken zu überwinden.
4. Der Lokaljournalismus kann nur geschützt werden, indem in ihn weiter personell und infrastrukturell investiert wird, jedoch nicht durch einen politischen Protektionismus.
5. Nicht Auflage und Umsätze sind die alleinigen Maßstäbe für eine intakte Lokalpresse, sondern vor allem ihre Rechercheleistung, Orientierungsfunktion und Meinungsstärke.
6. Lokaljournalisten müssen künftig nicht nur für ihr Publikum denken und arbeiten, sondern mit ihm in einen konstruktiven Dialog treten.
7. Im Internet liegt die Zukunft des Lokaljournalismus, aber auch die gedruckte Zeitung wird – vorerst – überleben.
8. Lokaljournalismus braucht verantwortungsvolle Zeitungsinhaber und Verlegerpersönlichkeiten, keine Buchhalter oder Sprücheklopfer.
9. Um die Zukunft des Lokaljournalismus neu zu erfinden, brauchen wir weniger Lamento und dafür mehr Wille zum Experimentieren.
10. Die Journalistenausbildung muss an die Möglichkeiten im Internet angepasst werden, und zwar im Dialog zwischen Praxis und Wissenschaft.“

Stefan Wirner

Stefan Wirner ist Redaktionsleiter der drehscheibe.

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